Ist der Islam reformierbar? Dieser Frage gehen die beiden bekannten Islamwissenschaftler Katajun Amirpur und Ludwig Ammann in ihrem neuen Buch "Islam am Wendepunkt" nach und geben dabei die wichtigsten Stimmen der Debatte in der islamischen Welt wieder.
Die eindringlichste Diskussion über die Vielfalt des Islam wird heutzutage im Iran geführt. Also in dem Land des "real existierenden Islamismus". In dem allerdings haben die politischen und religiösen Führer, die Ayatollahs, die Trennung zwischen Staat und Religion seit über fünfundzwanzig Jahren aufgehoben.
Unter dem Eindruck dieser Ereignisse sind hier bemerkenswerte Reformansätze entstanden. Ein Protagonist ist der Philosoph Abdolkarim Sorusch. Er gilt als einer der einflussreichsten und populärsten religiösen Intellektuellen des Landes. Selber anfänglich ein glühender Vertreter der Islamischen Revolution von 1979, unterlag sein Denken einem Wandel: Heute tritt er für eine Trennung von Religion und Staat ein.
Den herrschenden politischen Verhältnissen eines autoritär geführten theokratischen Staatswesens setzt er den Entwurf einer religiösen Demokratie entgegen. Diese unterscheidet sich rein formal gesehen nicht von einer liberalen Demokratie nach westlichem Muster, räumt aber den religiösen Werten größeren Vorrang ein:
"Während die Freiheit in der 'liberalen' Demokratie vor allem in Bezug auf weltliche Interessen und Neigungen gewahrt wird, liegt in der religiösen Demokratie das Augenmerk auf der Glaubensfreiheit. Das Ziel der 'religiösen' Demokratie ist also nicht zuletzt die Religion. Jedem Bürger soll dadurch die Möglichkeit gegeben werden, sich seiner Religion zu widmen und nach deren moralischen Geboten zu leben, ohne dass sie ihm verbindlich gedeutet und qua Gesetz aufgezwungen werden."
Unterstützt wird Sorusch in seinem Reformeifer von der iranischen Menschenrechtlerin Shirin Ebadi. Die Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003 setzt sich dabei vehement für eine Gleichstellung der Geschlechter ein und protestiert somit gegen das Rechtssystem im Iran, das Frauen massiv benachteiligt. Die Rechte der Frauen ließen sich alle aus dem Koran ableiten, der laut Ebadi:
"So frauenfreundlich oder -feindlich wie jede andere Offenbarungsschrift auch ist. Es kommt einzig darauf an, wie man ihn interpretiert. Und es gilt hier wie überall: Rechte werden einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen."
Ebadi verlangt, das jahrhundertealte Privileg der Männer in Bezug auf die Auslegung der Heiligen Schrift zu beenden.
Eine neue Interpretation des Koran fordert auch der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Abu Zaid. Er sieht diesen nicht allein als religiöse Botschaft, sondern auch als ein literarisches Werk, das mit literaturwissenschaftlichen Mitteln untersucht werden könne - für viele orthodoxe Muslime ein ketzerischer Gedanke! Wichtig sei dabei vor allem der historische Kontext, in dem der Koran offenbart wurde. Nur so lasse sich unterscheiden, ob gewisse Regelungen des Heiligen Buches allgemeingültig seien oder nur für bestimmte Situationen gälten.
An diesen Gedanken knüpft auch der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan an. Er ist der Enkel des Gründers der ägyptischen Muslimbrüder und die momentan führende Stimme des französischen Islam. Er gilt als der Vertreter eines eher konservativen Reformdenkens. Sein Ansatz steht repräsentativ für den Versuch, den Islam in Europa für die hier lebenden Muslime mit den Anforderungen der hiesigen Gesellschaften in Einklang zu bringen.
Dafür müsse der Text des Koran, so Ramadan, vernunftgemäß ausgelegt und dabei der jeweilige historische Kontext der Offenbarungssituation beachtet werden. Damit ließen sich Grundsätze erschließen, die eine Anwendung auf andere Zeiten und Räume ermöglichten. Dies gelte insbesondere für die gesellschaftlichen Angelegenheiten der Muslime, wo er einen gewissen Spielraum in der Auslegung sieht:
"Hier gilt der klassische Grundsatz: Alles ist erlaubt, was der Text nicht ausdrücklich verbietet! Das eröffnet, weil der Text nur selten durch Verbote Grenzen setzt, ein weites Betätigungsfeld für die schöpferische Vernunft, für Reform, für Rechtsfortbildung, die mit der Zeit geht und die lokalen Umstände berücksichtigt."
Tariq Ramadan wendet sich gegen die völlige Abschottung von Muslimen in Europa, ist gleichzeitig aber auch gegen deren komplette Assimilation. Er empfiehlt seinen Glaubensschwestern- und brüdern vielmehr, sich der europäischen Kultur gegenüber zu öffnen. Gleichzeitig ermahnt er sie auch, diese Kultur nicht kritiklos zu übernehmen, sondern genau abzuwägen, welche Aspekte für ihr Leben relevant seien. Alles in allem könne dies, so hofft Ramadan, zukünftig zu einem neuen Selbstbewusstsein der Muslime in Europa führen.
Katajun Amirpur/Ludwig Ammann, Der Islam am Wendepunkt.
Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion.
Herder spektrum 2006, 192 Seiten, 9,90 Euro
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