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22.03.2006
Heins Protagonist ist Briefträger. (Bild: AP) Heins Protagonist ist Briefträger. (Bild: AP)

Prozess einer Desillusionierung

Jakob Hein: "Herr Jensen steigt aus"

Rezensiert von Carola Wiemers

Jakob Hein, der mit seinem Debüt "Mein erstes T-Shirt" (2001) großen Erfolg hatte, ist mit seinem Roman "Herr Jensen steigt aus" eine sensible Studie des deutschen Alltags aus einer konsequent engen Perspektive gelungen. Einfühlsam und kritisch liefert ein Psychogramm desjenigen, der von der so genannten Solidargemeinschaft ausgeschlossen ist.

Im Titel des neuen Romans von Jakob Hein ist das Ende der erzählten Geschichte bereits vorweg genommen. Herr Jensen, Protagonist der Handlung, "steigt aus". Das klingt aktiv und selbstbewusst, und wirft die Frage auf: woraus dieser Ausstieg erfolgt.

Literarisch gesehen hat das Motiv des Aussteigers eine lange Tradition und ist von tragisch-komischer Symbolik. Es signalisiert einen Bruch mit der alltäglichen Normalität, die oft genug monoton erlebt wird, doch auch ein Maß an Verbindlichkeit und Sicherheit gewährt. Wer aussteigt, ändert den Blickwinkel, gerät in die Isolation und hält das Karussell liebgewordener Gewohnheiten an.

Jakob Heins Interesse an einer Grenzsituation wie dieser, in der sich Herr Jensen befindet, wird von literarischen und politischen Momenten gelenkt. In einem sachlich-unterkühlten, doch ambitionierten Stil erzählt er, wie es zu diesem Schritt kommt und warum es gerade Herrn Jensen trifft. Denn dieser ist unauffällig und stellt keine großen Ansprüche ans Dasein. Mit seinem bewährten "System Jensen" liefert er seit mehr als zehn Jahren täglich "im gleichen Viertel" zuverlässig die Postsendungen aus. Eine Tätigkeit, die er nicht erlernt hat, sondern bereits als Schüler und später Student ausübte.

Die postalischen Gänge geben Herrn Jensen genug Zeit, um über Probleme wie die Schwerkraft oder das weibliche Geschlecht nachzudenken. Dabei wird ihm zwar klar, "dass andere mehr Sorgfalt auf die Wahl ihrer Waschmaschine verwendeten, als er das bei der Wahl seines Berufs getan hatte", doch das ändert seine Lebensphilosophie kaum. Denn auch das gehört zum Profil dieser literarischen Figur, dass er niemals ein Ziel verfolgt. Herr Jensen hat keinen Lebensplan und keine Vision, vor allem keine Leidenschaften. Er funktioniert nach einem Rhythmus, der ihm vorgegeben wird. Erst als dieser ihm aufgekündigt und er im Rahmen des "neuen Programms zur Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen" als Ungelernter entlassen wird, kommt dieser Automatismus zum Stillstand.

Dem 1971 geborenen Jakob Hein, der mit seinem Debüt "Mein erstes T-Shirt" (2001) großen Erfolg hatte, ist mit seinem Roman "Herr Jensen steigt aus" eine sensible Studie des deutschen Alltags aus einer konsequent engen Perspektive gelungen. Einfühlsam und kritisch bündelt er in diesem Blick eine Vielzahl von Problemen und liefert ein Psychogramm desjenigen, der von der so genannten Solidargemeinschaft ausgeschlossen ist.

Mit sprachlicher Sorgfalt wird der Prozess einer Desillusionierung beschrieben, in der jede Beobachtung ihren Wert und Platz hat. Der im Titel angekündigte Ausstieg bekommt dadurch einen klugen kulturpolitischen Kommentar. Polemisch scheint zudem die Berufswahl des Protagonisten. Denn die Literaturgeschichte ist angefüllt von nicht versendeten, nicht angekommenen oder vom Postboten nicht zugestellten Briefen. Auch darin ist Jakob Hein mit "Herr Jensen steigt aus" eine glanzvolle Fortschreibung gelungen.

Jakob Hein: Herr Jensen steigt aus
Piper Verlag, München 2006, 134 Seiten


 
 

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