Man nähert sich diesem Buch zunächst mit Argwohn. Noch ein Buch über die Befindlichkeit einer Generation? Noch mehr Gejammer nicht mehr ganz junger Männer über ihre Orientierungsschwierigkeiten in einer Gesellschaft, in der Werte nichts und Marken alles sind?
Noch ein Lamento über das schmerzliche Vermissen einer untergegangenen Siebzigerjahrekinderwelt voller Grillparties in Einfamilienhäusern, die Frühstückstische bestückt mit Rama, Nutella und Jakobs-Kaffee, im Fernsehen Bonanza und die Waltons, Mitbestimmung und zweistellige Lohnabschlüsse? Und dann der Schock übers Sparwasser-Tor?
Bitte nicht, denken wir, das haben wir schon zu oft lesen und genervt weglegen müssen. Dann aber belehrt uns Christian Schüle schon auf den ersten Seiten eines Besseren. Es ist seine Sprache, die überzeugt. Denn sie hebt sich deutlich ab von der seiner Vorgänger, sie ist kreativ, sucht Tiefe in psychologischen Bildern, schafft Kontext durch Bezüge zur Geistesgeschichte, kurzum, sie ist nicht oberflächlich. Dass Christian Schüle dabei hin und wieder in den dozierenden Tonfall eines Kant und Seneca zitierenden Studienrates verfällt, verzeiht man ihm gern, so ermutigend ist sein Stil, der Haltung will statt Hülle.
Worum geht es? Ein junger Mann Anfang dreißig, seit kurzem publizierendes Mitglied im Berliner Hauptstadtzirkus, beobachtet im Café Einstein, Unter den Linden, den Altkanzler Helmut Kohl, wie er "durchaus manierlich" eine Karottensuppe löffelt. Plötzlich erkennt er, die massige und anachronistische Ikone seiner Jugend vor Augen, dass die Zeiten sich geändert haben, dass nun die Ära gekommen ist, in der er und seinesgleichen die Ruder dieser Republik übernehmen werden - nicht sofort, aber bald und unvermeidlich. Deshalb will er zunächst Auskunft geben über seine Generation und - der Titel sagt es - abrechnen mit hohl gewordenen Begriffen und falschen Glücksversprechen.
Er will Illusionen begraben, um endlich, deutlich retardiert, erwachsen zu werden. Wer also sind diese ICHlinge, wie er sie nennt, die Generation der um 1970 Geborenen: Sie sind die "erste Kohorte, die von keinerlei ideologischen Scharmützeln in der Selbstentfaltung gestört" wird. Frei vom Druck der Ideale sind die ICHlinge aufgefordert, sich um jeden Preis selbst zu verwirklichen. Ihr Höhenflug wird kurz nach dem Start jäh gebremst durch die Plagen der Postmoderne: Arbeitslosigkeit, Oberflächlichkeit, Beliebigkeit. Wie sich fürs eigene Wohl entscheiden, wenn keiner mehr weiß, was richtig ist?
So sind wir nun eine Generation der Multi-Tasker geworden, die fünf Sprachen sprechen und zwei Auslandspraktika gemacht haben, jeden Job machen würden, wenn sie nur einen bekämen, und die durch angepasste Leistung oder clownhafte Leistungsverweigerung nur eines erreichen wollen: Anerkennung. Um sie herum der deutsche Totalboulevard, im Fernsehen wird Politik wie Privates zum puren Entertainment heruntergerechnet, und auch im Privatleben der ICHlinge ist nicht mehr zu unterscheiden, was Inszenierung ist und was Authentizität.
Schüles Selbstauskunft wird zur Abrechnung, wenn er beschreibt, wie seine Generation sich nun aus Verzweiflung in Neo-Spießigkeit flüchtet, als hätte es die Achtundsechziger nie gegeben. Die Ehe wird wieder erstrebenswert, man wünscht sich eine vorzeigbare Wohnung, kauft Kunst und alte Bücher, um Bildungsfassaden aufzubauen, gleichzeitig werden Kinder Kult und die Sammlung erlesener klassischer Musik zum Statussymbol. Was Christian Schüle eigentlich will, erfahren wir erst auf den letzten Seiten.
Er will ein Bündnis schmieden unter den wenigen seines Alters, die noch an Werte glauben und an Begriffe wie Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit, Demut. Er wirbt für Netzwerke des Niveaus, die sich auf Inseln abseits des Boulevards zusammenknüpfen. Um, und dann wird es pathetisch, das wieder aufzubauen, was die Generationen vor uns eingerissen haben, um das einsame ICHlings-Dasein zu beenden, und eine Welt der Werte zu schaffen, in der WIR uns wohl fühlen - fast zu schön klingt das, um wahr zu sein.
Christian Schüle: Deutschlandvermessung. Abrechnungen eines Mittdreißigers
Piper Verlag, München 2006, 188 Seiten
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