Polina Daschkowa ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Krimi-Autorinnen Russlands. In "Keiner wird weinen" liefert der Zerfall der russischen Gesellschaft nach der Wende den Hintergrund für einen Thriller, in dem zwei Killer aufeinander losgehen. Dabei wird auch einiges über die Mafia-Strukturen in Russland deutlich.
Denis und Anton sind Kinder der sowjetischen Nomenklatura, in der man noch fest an das Gute glaubte, das sich damals Diktatur des Proletariats nannte. Weil ihr Vater 1968 im Auftrag des KGB in die Tschechoslowakei delegiert wurde, verlebten sie Kindheit und Jugend in den schönen Vierteln von Prag.
In den neunziger Jahren, nachdem sich der Vater aus Kummer über den Untergang des Kommunismus umgebracht hat, versuchen sie in Prag als Immobilienmakler für die neuen reichen Russen Fuß zu fassen. Doch die Geschäfte dieser alles in allem ehrlichen Brüder münden in ein Desaster. Weil sie die Interessen russischer und internationaler Gangs missachtet haben, muss Denis in Prag sterben. Während Anton in Moskau die Fährte nach den Tätern aufnimmt, gerät er in der russischen Hauptstadt in eine dramatische Auseinandersetzung zwischen zwei zu allem entschlossenen Serienmördern mit unterschiedlichem Profil und scheinbar entgegen gesetzten Motiven.
Polina Daschkowas Roman "Keiner wird weinen", der jetzt, sieben Jahre nach der russischen Originalausgabe, in deutscher Übersetzung beim Aufbau Verlag erschienen ist, bietet, wie schon ihre vorangegangenen Bücher, ein großes Panorama der russischen Gesellschaft vor und nach der Wende. Es geht um die Ohnmacht des Bürgers, die Korruption von Funktionären und Beamten sowie die Allmacht des organisierten Verbrechens.
Da ist Skwosnjak, ein Heimkind, das mit vier sein erstes Wort gesprochen hat und mit zwölf beim ersten Einbruch samt Mord dabei gewesen ist. Mit dreißig gilt Skwosnjak als einer der berüchtigtsten und grausamsten Anführer der Moskauer Unterwelt. Sein Erfolgsrezept lautet: keine Zeugen leben lassen. Die Polizei legt ihm nicht allzu viele Hindernisse in den Weg.
Sein Gegenspieler ist der Einzelgänger Wolodja. Skwosnjaks Bande hat seine ganze Familie ausgelöscht. Wolodja wird zu einem Mörder, der fanatisch an das Gute glaubt und mit Sprengstoff und Gewehrkugeln die höhere Gerechtigkeit wieder herzustellen glaubt. Polina Daschkowa zeigt den Kampf zweier ungleicher Giganten, die, wenn sie sich am Ende gegenseitig in den Tod gerissen haben, so verschieden nicht mehr sind. Denn diese Erzählerin lässt keine Gelegenheit aus, beide als Opfer ihrer Umgebung vorzuführen.
Polina Daschkowa wurde 1960 geboren, studierte am Gorki-Literaturinstitut in Moskau und arbeitete als Dolmetscherin und Übersetzerin, bevor sie mit ihren Kriminalromanen ein Millionenpublikum fand. Der Reiz ihrer Literatur liegt darin, dass sie nicht nur Kriminalfälle spannend zu erzählen vermag, sondern dabei die Mafia-Struktur ihres Landes so präzise schildert, wie es den von der Staatsmacht gegängelten Journalisten kaum gelingen dürfte.
Auch wenn die Autorin dabei oft mehr erklärt und kommentiert, als es erforderlich wäre, und mitunter einer Neigung zum Sentimentalen nachgibt, ist "Keiner wird weinen" ein Buch, das den Leser in den Bann zu ziehen vermag.
Polina Daschkowa: Keiner wird weinen
Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau Verlag,
405 S. 19,90 €
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