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24.01.2007
Der Wunsch nach übersichtlichen Verhältnissen. (Bild: AP) Der Wunsch nach übersichtlichen Verhältnissen. (Bild: AP)

"Mit Schwächen und Lastern leben"

Rainer Moritz: "Die Überlebensbibliothek. Bücher für alle Lebenslagen", Piper Verlag 2006. 320 S.

Rainer Moritz ist Leiter des Hamburger Literaturhauses und Übersetzer. In seiner Sammlung empfiehlt er Bücher in kleinen Besprechungen von zwei bis vier Seiten unter Rubriken wie "Mit sich selbst zurechtkommen", "Mit Schwächen und Lastern leben", "Sich an fremde Orte begeben" oder "Im Durcheinander von Erotik, Sex und Liebe klüger werden".

Es ist ein subtiler aber doch deutlicher Druck: Es gibt wieder Bücher, die man kennen muss. Seien es die Buchreihen, die in den letzten Jahren von Zeitungen auf den Markt gekommen sind und die die 50 wichtigsten Romane zu präsentieren glauben, und damit versuchen, das Interesse des Lesepublikums in eine bestimmte Richtung zu lenken. Seien es die zahllosen Bücher, die in großen Buchhandlungen auf den Tischen herumliegen und versprechen, genau die Bücher zu nennen, die man gelesen haben sollte. Die Angst vor schlechten Schulen dürfte für diese Bedürfnis nach kultureller Orientierung genauso eine Rolle spielen wie der Umstand, dass die Welt so viel unübersichtlicher geworden ist, da sollte es doch wenigstens im Bücherregal ein wenig klarer zugehen.

Nun ist Angst aber ein genauso schlechter Literaturratgeber wie der Wunsch nach übersichtlichen Verhältnissen. Und deshalb ist ein Buch so wichtig, dessen Titel zwar mit der berühmten Frage nach den Büchern für die einsame Insel kokettiert, das das Lesen aber vor allem als eine alltägliche Freude präsentiert: "Die Überlebensbibliothek" von Rainer Moritz.

Moritz ist Übersetzer und Leiter des Hamburger Literaturhauses und so entspannt und humorvoll, wie er seine Überlebensbibliothek präsentiert, würde er wahrscheinlich auch nie behaupten, dies seien die Bücher, ohne die er nicht überleben könne. Tieferhängen! würde Moritz wahrscheinlich eher sagen, dieses Buch kommt ohne die existenzielle Echokammer aus. Es sind "Bücher für alle Lebenslagen", so hat er in den Untertitel geschrieben.

"Mit sich selbst zurechtkommen", "Mit Schwächen und Lastern leben", "Sich an fremde Orte begeben", "Im Durcheinander von Erotik, Sex und Liebe klüger werden" - so hat Moritz beispielsweise die neun Teile überschrieben, aus denen sich "Die Überlebensbibliothek" zusammensetzt, neun Regalbretter in einem Bücherschrank, wenn man so will, auf denen die jeweiligen Bücher stehen, die Moritz dann in kleinen Besprechungen von zwei bis vier Seiten vorstellt. Wie ein Detailaspekt der großen Frage kann man sich das vorstellen. "Mit sich selbst zurechtkommen", der erste Abschnitt beginnt so: "Wer sich selbst unterschätze, lese Hans Christian Andersen, Das hässliche Entlein". Es gibt aber auch "Wer dem Verkehr von Geflügel aufgeschlossen gegenübersteht, lese Wolf Haas, Der Knochenmann" in der Abteilung "Mit Schwächen und Lastern leben".

Hans Christian Andersen und Wolf Haas sind dabei zwei Namen, die einigermaßen passgenau umreißen, zwischen welchen Polen Moritz seine Überlebensbibliothek ansiedelt. Da gibt es die Klassiker (auch Marcel Proust, Theodor Fontane und Herman Melville kommen vor) und es gibt die Autoren der Gegenwart (Gerhard Henschel, Elfriede Jelinek, Karen Duve und viele, viele andere). Moritz präsentiert keine zu Unrecht vergessenen Schriftsteller und versucht auch keine Bestsellerautoren als Hochkulturkünstler zu adeln.

Ihm geht es um etwas anderes, nicht um literarische Bedeutsamkeit und ein Pantheon, auch nicht darum, Entwicklungslinien zu zeichnen, Querverweise herzustellen oder überraschende Verbindungen zu zeigen. Moritz will ein Lesen lehren, dass die Bedeutung eines Buchs in der individuellen Erfahrung der Leserin oder des Lesers verankert. Ein Lesen für das es gar keine Gebrauchsanweisung braucht, sondern Offenheit und Neugier.

Rezensiert von Tobias Rapp

Rainer Moritz: Die Überlebensbibliothek. Bücher für alle Lebenslagen.
Piper Verlag 2006. 320 S.
19,90 Euro


 
 

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