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12.04.2007

Scheitern als Lebensstil

Norbert Müller: "Easy Deutschland", Residenz Verlag, Wien 2007, 427 Seiten

Der neue Roman von Norbert Müller ist eine furiose Gesellschaftskomödie über die tragischen wie lächerlichen Aspekte unseres Daseins. Die sieben Protagonisten des Romans hatten alle einst einen soliden Lebensplan und scheiterten durch die Bank.

Der Titel dieses Romans ist der blanke Hohn. "Easy Deutschland", das ist in diesem Buch einmal eine Relocation Agentur, die betuchten Ausländern das Einleben in Deutschland erleichtern soll. Das geht regelmäßig schief, weil die deutschen Ansiedelungsagenten in einer schönen Mischung aus politischem Messianismus und interkultureller Trampeligkeit ihre Kunden vergrätzen.

"Easy Deutschland", das leuchtet aber auch als sarkastischer Kommentar über all den Lebensbewältigungsbemühungen der zahlreichen Schauspieler, Schriftsteller, Lehrer und Durchwurstler, die Norbert Müller in diesem Roman porträtiert.

Erik König zum Beispiel, Programmleiter für Deutsch an einer Berliner Volkshochschule, zwanghafter Onanist und Audifahrer. Er kämpft und intrigiert um den freien Posten des Volkshochschulleiters, als ginge es um einen römischen Kaiserthron. Seine Frau hasst ihn, seine Tochter hasst seine Frau, sein Sohn spricht überhaupt mit niemandem. Erik Königs Lage ist schwierig, aber Norbert Müller lässt ihn genüsslich immer tiefer in den Schlamassel geraten. Er wird von seiner Frau verlassen, vom Rest der Familie verachtet und im Job zum einfachen Dozenten degradiert. Erst ganz am Ende des Romans wird sein Leben leidlich wieder zusammengekittet.

Oder Eckard, vormals Dramaturg, jetzt Sponsorensammler bei einer freien Theatertruppe. Eckard ist mit einer Amerikanerin verheiratet, deren Familie ihn immer wieder mit ihren forschen Ansichten beglückt, Ansichten über den engen Zusammenhang von Charakterqualitäten und Erfolg im Business. Von Erfolg kann bei Eckard keine Rede sein, mit Engagement widmet er sich nur dem Verzehr von Nougatkringeln und Sahnetörtchen. Er kriegt allerdings eine große Chance, als der Schwiegerpapa ihm einen sehr ordentlichen Dollarbetrag vorschießt, mit dem Eckard ein Filmprojekt finanzieren will, den Film "Suche nach Vati".

Dieser Film bildet so etwas wie die zentrale Geschichte des ansonsten sehr episodenhaften Romans. Die Schauspielerin und Namensgeberin einer Strickblusenkollektion Heidi Brockmann steht im Mittelpunkt dieses Films, in dem sie ihre angeblichen jüdischen Wurzeln sucht. Sie zerrt dafür ein Filmteam auf der Suche nach jüdischen Vorfahren durch halb Amerika. Erst eine Truppe von mittellosen Wanderschauspielern erbarmt sich ihrer und gibt die verlorene jüdische Familie, leider fliegt der Schwindel bald auf.

In die abstruse Filmgeschichte ist ein Großteil des Romanpersonals verwickelt, unter anderem der Serien-Schauspieler Guido Duvall, ein Sascha-Hehn-Verschnitt, oder auch die Avantgarde-Schriftstellerin Ann Charlotte Sauber, die plötzlich ihr Herz für den Massenroman entdeckt. Selbstverständlich endet "Suche nach Vati" in einem ordentlichen Fiasko, in dem viel Geld und noch mehr Lebensenergie der Beteiligten verbrannt wird.

Norbert Müllers Roman hat etwas von den Fernsehserien, aus denen er einen großen Teil seines Personals rekrutiert hat. Die vielen Episoden des Buches kommen rasch auf den Punkt, in der Regel die nächste Katastrophe. Selbst wenn für einen Moment Versöhnung oder Zuneigung drohen, sprengt der nächste Streit alles zuverlässig wieder auseinander.

Die Charaktere sind nur knapp umrissen, als Spielmaterial für flotte Handlungsfortschritte. Norbert Müller schubst sein Intellektuellen-Personal sarkastisch herum, das Erbarmen, das er mit seinen Figuren doch hat, das zeigt sich allein in der Ausdauer, mit denen der Autor seinen Helden durch ihre grellen Schicksalswirren folgt. Der Roman hat seine Längen, aber er versöhnt einen mit Witz und Energie. Am Ende ist es doch ein leichter, angenehm unsentimentaler Blick auf ein mittleres Deutschland, den Norbert Müller hier bietet.

Rezensiert von Frank Meyer

Norbert Müller:
Easy Deutschland.

Residenz Verlag, Wien 2007,
427 Seiten, 21,90 Euro.




 
 

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