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18.09.2007
Alzheimer-Patientin mit Pflegerin (Bild: AP) Alzheimer-Patientin mit Pflegerin (Bild: AP)

Ein Kopf wie aus Styropor

Stella Braam: "Ich habe Alzheimer", Beltz Verlag, 2007, 192 Seiten

Es fing mit Orientierungsschwierigkeiten und kleinen Erinnerungslücken an, wenige Jahre später hatte der ehemalige Kinderpsychologe René van Neer die Kontrolle über sein Leben völlig verloren. Seine Tochter Stella Braam schildert in "Ich habe Alzheimer" eindrucksvoll den Verlauf der unheilbaren Krankheit.

"Es ist, als existiere man immer weniger", beschreibt René van Neer seine Krankheit, als sie ihm noch nicht alles geraubt hat, sein Gedächtnis, die Sprache und die motorischen Fähigkeiten. Seinen Kopf vergleicht der ehemalige Kinderpsychologe mit Styropor, dieser weichen Masse, die schnell zerbröselt, sobald man sie zu fassen versucht. Ein schrecklich passender Vergleich, denn schleichend nimmt diese unheilbare Krankheit ihren Verlauf, an dessen Ende René van Neer Windel tragen muss, seine Familie nicht mehr erkennt und unfähig ist, eine Orange noch als Orange zu erkennen beziehungsweise sie als solche zu benennen.

Dabei fing 1998 alles harmlos an: Mit kleinen Orientierungsschwierigkeiten auf einem fremden Bahnhof. Später kommen Erinnerungslücken dazu. Plötzlich werden die Mikrowelle und das Mobiltelefon zu unbedienbaren Hightechgerät. Der Weg zum Keller im eigenen Haus zum undurchdringlichen Labyrinth. Und der Unterschied zwischen Werbepost und dem Brief vom Finanzamt ist nicht mehr erkennbar. Nach fünf Jahren abnehmender Selbstständigkeit diagnostizierten die Ärzte 2003 schließlich bei René van Neer Alzheimer, diese heimtückischen und bis heute unheilbaren Demenzerkrankung, an der weltweit 24 Millionen Menschen leiden. 24 Millionen, denen eines gemein ist: Sie verlieren die Welt und die Welt verliert sie. René van Neer ist einer von ihnen, einer von vielen also.

Dass er und sein Leid dennoch nicht völlig vergessen sein werden, verdankt René van Neer seiner Tochter Stella Braam. Die niederländische Journalistin beschließt schon früh: sie will den Verlauf dieser Krankheit dokumentieren.

Vier Jahre lang sammelt sie penibel alles, was ihr Vater aufschreibt, jedes Gespräch mit ihm wird auf Tonband aufgezeichnet, jede Verschlechterung akribisch dokumentiert. Fast so, als wolle sie der Krankheit genau das abtrotzen, was diese dem Vater verwährt, wird Stella Braam zum Gedächtnis ihres Vaters. Er, der sich immer mehr verliert, bekommt durch sie seine eigene Stimme wieder. Im Spätsommer 2007, fünf Monate nach dem Tod des Vaters, erscheint "Ich habe Alzheimer. Wie sich die Krankheit anfühlt".

Und genau das ist das faszinierende an diesem Buch: Man taucht ein in das Leben eines Menschen, der selbst nicht mehr in der Lage ist sich mitzuteilen und erhält eine Innenansicht eines Demenzkranken, die selten so eindringlich beschrieben wurde. Hautnah erlebt man so mit: Etwa wie es ist, wenn man aufs Klo muss, aber nicht in der Lage ist dorthin zu kommen, weil man einfach nicht weiß, wo dieser Ort ist, geschweige denn, dass man ihn überhaupt benennen kann. Und das, weil einem die Worte und die Erinnerung fehlen. Oder genauso wie es ist, wenn man plötzlich an einem Ort leben muss, den man nicht kennt, den man auch nicht kennen lernen kann, weil das Kurzzeitgedächtnis nichts mehr abspeichert. Wen wundert es da, dass die Menschen um Hilfe schreien und sich von Feinden umgeben fühlen?

Indem Stella Braams mit unverstelltem Blick und schonungslos die Geschichte ihrer Vaters erzählt, erzählt sie aber auch noch von mehr: von Pflegenotstand, von inhumanen Behandlungsmethoden, von einer immer älter werdenden Gesellschaft, die den Blick vor der Zukunft verschließt und damit auch von unserer eigenen Ohnmacht angesichts der Grausamkeiten dieser Krankheit. Einer Krankheit, die, wenn man den Statistiken glauben kann, in 30 Jahren schon 81 Millionen Menschen betrifft. Vielleicht auch einen selbst.

Rezensiert von Kim Kindermann

Stella Braam: Ich habe Alzheimer. Wie die Krankheit sich anfühlt
Übersetzt von Verena Kiefer und Stefan Häring
Beltz Verlag, 2007
192 Seiten, 17,90 Euro


 
 

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