Amerika in den 1950er Jahren. In Yale arbeitet der junge, schlechtbezahlte Psychologe Dr. William Friedrich an einer wissenschaftlichen Sensation. Er hat die heilsame Wirkung einer exotischen Naturpflanze entdeckt, die Depressionen und Angstzustände vertreibt.
Gemeinsam mit einer Kollegin entwickelt er eine Testreihe an Freiwilligen, zu denen auch der Student Casper Gedsic zählt. Bei Casper - ein Rechengenie mit einem IQ von 173 und zugleich ein stotternder, suizidgefährdeter Underdog - schlägt die Droge prächtig an, er verwandelt sich in einen selbstbewussten Überflieger, dem die Welt zu Füßen liegt. Doch dann geht irgendetwas schief, und Casper läuft plötzlich Amok, erschießt Dr. Friedrichs Mitarbeiterin, bedroht den Psychologen und seine Familie, der kleine Sohn Jack kommt ebenfalls ums Leben.
Casper wird in eine psychiatrische Heilanstalt verbracht, Jahre vergehen, der Fall scheint erledigt. Doch dank seiner überragenden Fähigkeiten gelingt es Casper zu fliehen, und er hat nur einen einzigen Gedanken: Rache zu nehmen an Dr. Friedrich, dessen Droge nur eine Illusion produziert hat. Casper kehrt zurück und als erstem begegnet er Dr. Friedrichs jüngstem Sohn Zach, der nach der Katastrophe geboren wurde ...
Hoch spannend und dramatisch verläuft die erste Hälfte von "Casper", dem Dirk Wittenborns eigene Familiengeschichte zugrunde liegt. In einer offenen, an Kritiker und Verlage verschickten Erklärung gesteht der Autor, dass er selbst dieser Zach ist, der schließlich die ganze Tragödie erzählen wird. Casper wird zum Trauma der Familie Friedrich, für die Eltern genauso wie für die Kinder, besonders aber für Zach, der später dem Kokain verfällt und sein Leben fast ruiniert.
Dirk Wittenborn hat den Roman seinem verstorbenen Vater gewidmet, aber bei allem Respekt für dieses private Schicksal und die rasante Erzählkunst des Autors leidet das Buch unter einer verfehlten Dramaturgie: Die glänzend aufgebaute Spannung des ersten Teils verfliegt leider gänzlich, wenn nur noch vom Auf und Ab der Familienbiographie und ihrer Mitglieder die Rede ist.
Die erste, packende Hälfte erinnert an T.C.Boyle, die zweite an den späten John Updike und seine "Rabbit"-Romane. Beides für sich ist literarisch eindrucksvoll, doch gehen diese beiden Teile schlecht zusammen.
Dirk Wittenborn, Jahrgang 1952, ist durch seine Romane "Unter Wilden" (2003) und "Catwalk" (2004) erst spät in Deutschland bekannt geworden. Auch diese Bücher aus der Welt der Reichen und Schönen waren stark autobiographisch gefärbt, bestachen jedoch durch ihre kraftvollen Sujets und die erzählerische Distanz des Autors. Jetzt deckt Wittenborn das Trauma seiner Familie und Herkunft schonungslos auf. Er ist sich dabei zu nahe gekommen.
Rezensiert von Joachim Scholl
Dirk Wittenborn: Casper
Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent.
Dumont Verlag, Köln 2007, 477 Seiten, 22,90 Euro
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