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08.01.2008
Beißende Monologe aus Tochterperspektive  (Bild: Stock.XCHNG / Linden Laserna) Beißende Monologe aus Tochterperspektive (Bild: Stock.XCHNG / Linden Laserna)

Töchter-Monologe

Claire Castillon: "Giftspritzen - Erzählungen", Piper Original, München 2007, 165 Seiten

Die 1975 geborene Claire Castillon seziert in ihren Geschichten schonungslos die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern als rabenschwarzes Verhältnis. In ihrem Heimatland Frankreich ist sie ein bekanntes Gesicht. Nun ist ihr Erzählungsband "Giftspritzen" auch auf Deutsch erschienen.

Claire Castillon, geboren 1975 in der Nähe von Paris, ist in Frankreich ein bekanntes Gesicht, wie uns der Verlag versichert, es ist auf Zeitschriften zu sehen und im Fernsehen. Dann fing sie auch noch an zu schreiben, ihre Erzählungen sind jetzt, seit Dezember, auch auf deutsch zu lesen. Sie handeln von Müttern und Töchtern und sind schlicht eine Überraschung: Die Frau hat Talent. Aber sie ist grausam.

Claire Castillons Erzählungsband heißt auf Französisch "Insecte", im Deutschen hat man ein etwas dümmliches "Giftspritzen" daraus gemacht, noch schlimmer aber ist der Untertitel: "Rabenschwarze Erzählungen über Mütter und Töchter". Das erinnerte mich sofort an die ehemalige rororo-Reihe "Panther", da hat man auch alles getan, um Untertitel zu erfinden, die selbst kleine Erzählungen waren und schon gleich alles verrieten.

Vom Verhältnis Mutter und Tochter handelt das Buch tatsächlich, und die immer noch junge Autorin gibt sich alle Mühe, es wirklich "rabenschwarz" zu darzustellen, aber das Großartige ist: Man glaubt ihr aufs Wort, obwohl sie manchmal etwas unvermutete Sprünge macht, obwohl sie gern Effekte sucht, dem Affen Zucker gibt und ebenso gnadenlos wie trocken auf grausame oder schier unglaubliche Pointen zusteuert. Alle Texte sind Monologe, meist aus der Tochterperspektive, alle sind sie mehr oder weniger erschütternd, beißend und schonungslos, einerlei ob wahrhaftig skandalöse und schmerzhafte Entdeckungen gemacht werden oder ob es Einbildungen sind, die freilich selbst auf Erfahrungen beruhen, die nicht von der Hand zu weisen sind.

Beinahe harmlos ist dabei "Das Insekt", die eigentliche Titelgeschichte also, in der die Mutter aus gutem Grund ein inzestuöses Verhältnis zwischen Vater und heranwachsender Tochter vermutet. In anderen Geschichten aber wird dann schon mal ein Zwilling entsorgt, die Mutter wird mit dem Schwiegersohn in einer superpeinlichen Situation erwischt, ein Mädchen wird von der Mutter mit Aufputschmitteln vollgestopft. Eine Mutter biedert sich der Tochter als beste Freundin an, eine andere verlässt ihr neugeborenes Kind.

Claire Castillons 19 Erzählungen haben eine ungemein analytische Energie, die verschiedenen Niveaus der Desillusion sind raffiniert gegen- und miteinander abgestimmt, sie sind hastig, aber nicht überhastet erzählt, mit erschreckender Perfektion, kaltblütigem Kalkül, diszipliniert, sarkastisch, grausam, aber mit einem Rest Trauer. Immerhin.

Rezensiert von Peter Urban-Halle

Claire Castillon: Giftspritzen. Erzählungen.
Aus dem Französischen von Gaby Wurster.
Piper Original, München 2007. 165 Seiten. 10 Euro


 
 

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