Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes haben dazu geführt, dass Arbeit nicht mehr gleichzusetzen ist mit dem Bürojob zwischen 9 und 17 Uhr oder mit dem Platz am Fließband bei VW. Wie sie die Arbeitwelt von heute erleben, beschreiben 17 Schriftsteller in dem Band "Schicht. Arbeitsreportagen für die Endzeit". - Eine phantasievolle und unterhaltsame Lektüre.
Wer je an einer Besichtigung der Produktionsstätte von VW in Wolfsburg teilgenommen hat, weiß nicht nur theoretisch, sondern aus eigener Anschauung: Das Industriezeitalter neigt sich dem Ende zu, der arbeitende Mensch wird nur mehr zur Überwachung der Arbeit gebraucht, die er nicht mehr selbst ausführt, sondern, wie im Fall von VW, von kranhohen Robotern ausführen lässt.
Arbeit, wie wir sie im Sinn der Erwerbstätigkeit verstehen, verändert sich nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ. Namhafte Soziologen gehen längst davon aus, dass die Gesellschaft der Zukunft unabhängig von der wirtschaftlichen Situation einen großen Anteil Arbeitsloser auch und vor allem aus gehobenen Schichten haben wird. Wie sieht Arbeit in Zukunft aus? Dies ist die Fragestellung eines großen Forschungsprogramms der Bundeskulturstiftung, die im Rahmen dieses Programm 17 deutsche Schriftsteller beauftragt hat, Geschichten aus dem Arbeitsleben zu schreiben.
Unter dem Titel "Schicht" ist der Sammelband nun im Suhrkamp Verlag erschienen. Eine ganze Reihe namhafter deutscher Autoren haben sich beteiligt, darunter Juli Zeh, Feridun Zaimoglu, Wilhelm Genazino, Kathrin Röggla, Gerorg Klein und andere. Auffallend an ihren Texten ist, dass sie weniger die exemplarische Arbeitswelt in Banken und Büros, Behörden und Betrieben beschreiben, denn Fallbeispiele unexemplarischer Ausnahmen.
Peter Glaser führt die Lebenswelt der "digitalen Boheme" vor, Gabriele Göttle berichtet von einem deutschen Ziegenhirt, Feridun Zaimoglu über die Arbeitsbedingungen in einer Peep-Show, Juli Zeh über ein lesbisches Paar, das sich einen Reitstall auf dem Land aufgebaut hat und von Reitunterricht lebt. Wilhelm Genazino macht in seinem Text den Vorschlag, Schule für Bettler einzurichten, damit diese ihrer öffentlichen Tätigkeit professioneller und gewinnbringender nachgehen können. Diese Geschichte ist so brillant, phantasievoll und unterhaltsam zu lesen wie fast alle anderen Geschichten des Bandes, der doch eine Leerstelle hat: Das ganze Normale der Arbeitswelt.
Rezensiert von Ursula März
Johannes Ullmaier (Hrsg.): Schicht. Arbeitsreportagen für die Endzeit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007
417 Seiten, 12 Euro
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