"Fragmente einer Autobiografie" sind Essays, Reden, Artikel und Glossen, die nach Roberto Bolanos Tod 2003 in einem Sammelband herausgegeben wurden. Chronologisch reichen sie von der autobiografischen Skizze zum Thema Bücherdiebstahl bis zum Fragment einer Rede für die Konferenz lateinamerikanischer Schriftsteller.
Der Chilene Roberto Bolano (1953 - 2003) ist hierzulande vor allem bekannt geworden durch sein Buch "Die Naziliteratur in Amerika" (deutsch 1998): Ein Werk, von dem man nicht weiß, nicht wissen kann und nicht wissen soll, ob es eine Parodie ist, ein Essay, ein Erzählzyklus, ein literaturwissenschaftlicher Kommentar oder ein politischer Witz.
Ebenso wenig sollte man festzulegen versuchen, wie autobiografisch die "Fragmente seiner Autobiografie" wirklich sind. Der Form nach sind es Essays, Reden, Artikel und Glossen, die nach Bolanos frühem Tod 2003 in einem Sammelband herausgegeben wurden. Chronologisch reichen sie von der autobiografischen Skizze zum Thema Bücherdiebstahl von 1998 bis zum Fragment einer Rede für die Konferenz lateinamerikanischer Schriftsteller 2003, einem Text von eindrucksvoller Bitterkeit: "Das Panorama (der neuen lateinamerikanischen Literatur) ist vielversprechend, vor allem, wenn man es von der Brücke aus betrachtet: Der Fluss ist breit und machtvoll, und aus dem Wasser schauen die Köpfe von mindestens fünfundzwanzig Schriftstellern (...). Wie viele werden ertrinken? Alle, fürchte ich."
Aber so bitter wie an dieser Stelle wird Bolano selten. Sein mühsames Leben zwischen Chile und Mexiko, mit der Flucht 1973 nach Spanien und den materiellen Einschränkungen als lange Zeit unbekannter Schriftsteller geben ihm nicht Anlass zur Klage. Exil sei ohnehin die selbst gewählte Lebensweise des Schriftstellers, befindet er; und schreibt konsequenterweise nicht über Länder, sondern über Freunde, über Lektüren, Erfahrungen, Momente.
Seine Texte sinnen nach über die Grenzen von Moral und Politik, über Ästhetik und Verzweiflung. Sie zeugen von einer Belesenheit, die aus dem Vollen eines üppigen Erbes schöpft, von einer herrlich schöpferischen Anarchie und der Freiheit, alles zu denken, was man nur will.
Vor allem aber sind es Texte, die einem die Gelegenheit geben, einem ungewöhnlichen Menschen beim Entwickeln seiner Gedanken zu folgen:
Bolano schrieb gewissermaßen seine Denkprozesse mit und es störte ihn nicht, wenn er dabei die Spur wechselte; seine Sätze überschreiten auf natürlichste Weise andauernd die Grenzen von Gegenwart und Fiktion, Analyse und Vergangenheit, Gefühl und Phänomen, Erkenntnis und Gedicht, Klarheit und Verunsicherung.
Was nichts zu tun hat mit Verwirrung, sondern mit Differenziertheit. Denn Bolano ist ein scharfsinniger und dabei extrem unterhaltsamer Analytiker aktueller und wie traditioneller literarischer Strömungen und Formen. Er spottet und wettert, er besänftigt und polemisiert, und manchmal weint er ein bisschen, aus Wut oder Melancholie. Er schreibt aber nicht nur über Bücher, als ginge es ums Leben, er schreibt auch sein Leben, als wäre es etwas aus einem Buch.
Üerhaupt scheint das ganze Werk dieses rasenden Bücherverschlingers so etwas wie eine Naht zu sein, an der sich Literatur und Leben verbinden.
Rezensiert von Katharina Döbler
Roberto Bolano, Exil im Niemandsland. Fragmente einer Autobiografie
Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt und Heinrich von Berenberg
Berenberg Verlag, 2008.
140 Seiten, 19 Euro
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