Eine Vermessung der Welt in Sprache und Bildern bietet Andreas Neumeister den Lesern mit seinem Roman "Könnte Köln sein". Von der Basisstation München aus reist er in alle Himmelsrichtungen und beschreibt absichtsvoll bruchstückhaft seine Beobachtungen.
Wenn es so etwas gäbe, dann wäre Andreas Neumeister sicherlich der Gewinner des Sonderpreises für den schönsten Buchtitel der Saison: "Könnte Köln sein". Das klingt nicht nur gut, sondern führt auch exemplarisch vor, was in dieser Prosa geschieht.
Sprache wird als Material verwendet, rhythmisiert und geordnet, und lenkt auf diese Weise Wahrnehmung und Erkenntnis. "Könnte Köln sein" - das ist der Blick des Reisenden aus dem fahrenden Zug, oder bei Neumeister eher der Blick aus dem Flugzeug herab auf die Anordnung des Gebauten. Der Titel verweist zugleich auf die Desorientierung und die Ortlosigkeit des Sprechers, der gar nicht mehr so genau zu wissen scheint, wo er sich befindet.
"Könnte Köln sein" ist ein Reisebuch. Eine Vermessung der Welt in Sprache und Bildern. Ein geschriebenes Musikstück, das aus Städteansichten, Architektur und Geschichte besteht. Ein Sachbuch, wenn man so will. Aber vielleicht doch eher ein Lang-Gedicht.
"Könnte Köln sein" lässt sich steigern: "Dürfte Düsseldorf sein. Müsste München sein." München ist die Heimat des 1959 geborenen Autors, der mit seinen Werken (zuletzt: "Gut Laut" und "Angela Davis löscht ihre Website") zu den avanciertesten Vertretern der sogenannten Pop-Moderne gehört. Heimat ist allerdings ein Wort, das seltsam fremdelt, wenn es auf einen Autor trifft, der Sätze schreibt wie diesen: "Home ist, where the page is." So gesehen ist es wirklich egal, wo man gerade ist.
Pop ist bei Neumeister nicht in dem Sinn zu verstehen, dass da einer seinen langweiligen Alltag zwischen Latte Macchiato und Telefongesprächen mit den Freunden zu Papier bringt und glaubt, das sei schon Literatur. Bei ihm ist Pop eine formale künstlerische Anstrengung, Tradition und Konvention hinter sich zu lassen.
Es ist eine Art und Weise, die Welt zu betrachten. München wird dabei zu "Munich" oder "Mjunik", zu einer Basisstation, von der aus er in alle Richtungen aufbricht: In den Osten, nach Estland, Polen und Russland. In den Westen, nach New York, Los Angeles und Mexiko City, oder auch auf der Zeitachse zurück in die Vergangenheit. Denn was wäre eine Stadt anderes als gebaute Geschichte?
Rom ist deshalb die erste Station seiner Weltbetrachtungen. Hier ist die architektonische Schichtung der Stadt zur geschichteten Zeit mit bloßem Auge zu erkennen: "Erstaunlich, wie viele Meter Kulturschutt im Lauf der Jahrtausende zusammenkommen."
Neumeister interessiert sich vor allem für die städtebaulichen Spuren des 20. Jahrhunderts. Der Vergleich zwischen dem faschistischen Italien und dem Nationalsozialismus führt ihn nach Berlin, bis zur Stadtschloss-Debatte und in die Stalin-Allee. Auch München wird transparent in Richtung NS-Geschichte und Olympischer Spiele von 1972. Lenin wohnte hier, kurz bevor Hitler seine glücklichsten Jahre in der Stadt an der Isar verbrachte. Man kann es sehen.
Wer nun historische Ausführungen erwartet, wird von Neumeister enttäuscht sein. Seine Reflexionen bleiben absichtlich bruchstückhaft. Die kurzen Absätze enden ohne Punkte, flüchtig hingeworfen, als offene Einheiten. Es sind kleine Skizzen, manchmal banal, manchmal aufschlussreich, gerne assoziativ und sprunghaft. Nie praktiziert er einen überrumpelnden Erkenntnistriumphalismus, sondern bleibt bescheidener Beobachter.
Seine Methode ist die Wiederholung und die Steigerung. So entstehen Erkenntnisse direkt aus der Sprache. Statt über das Jahr 1968 zu referieren, gibt es dann eine konzentrierte Passage, die gleichwohl die Zeitstimmung enthält: "Sechzigerjahre des letzten Jahrtausends: K1, K2. Als man die Kommunen des Landes noch an zwei Fingern einer Hand abzählen konnte. Als Wohngemeinschaften Kommunen hießen. Als Wohngemeinschaften mehr als bloße Zweckgemeinschaften waren. Als selbst bloße Wohngemeinschaften grundsätzlich ein Politikum waren."
Teilweise liest sich "Könnte Köln sein" wie ein Notizbuch. Teilweise simuliert es die Sprache von Reiseführern. Es zitiert Bildunterschriften ohne die zugehörigen Bilder (die man sich ja denken kann) oder Beschriftungstafeln aus Museen. Es gibt kleine, feine Beobachtungen wie die, dass Porsche nach dem 9.11. für den amerikanischen Markt darüber nachdachte, das Erfolgsmodell "911" umzubenennen.
"Gibt es die neue Weltordnung schon?", fragt Neumeister, als stünde er in einem Laden und wollte die neue CD der Gruppe XY erwerben. Die Frage bleibt unbeantwortet. Einen interessanten Blick auf die Welt bietet sein unterhaltsames, anregendes, nicht ganz unschwieriges, fälschlicherweise als Roman betiteltes Buch aber auf alle Fälle.
Rezensiert von Jörg Magenau
Andreas Neumeister: Könnte Köln sein
Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008
278 Seiten, 16,80 Euro
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