Zum Inhalt
Zur Deutschlandradio Kultur-Startseite
 
nach oben
12.06.2008
Der chinesische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 2000 Gao Xingjian. (Bild: AP-Archiv) Der chinesische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 2000 Gao Xingjian. (Bild: AP-Archiv)

Wiedersehen nach der Kulturrevolution

Gao Xingjian: "Die Angel meines Großvaters". S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008. 210 Seiten

Gao Xingjiang, Literaturnobelpreisträger von 2000, beschäftigte sich mit den psychischen Verheerungen der Kulturrevolution in seinen Romanen. Nicht von ungefähr: Er verbrachte selbst Jahre in einem Umerziehungslager. Auch in seinem Erzählungsband "Die Angel meines Großvaters" spielt die Kulturrevolution eine Rolle: als fernes Ereignis, das Menschen auseinanderriss, die sich nun nach langer Zeit wiedersehen.


Gao Xingjiang war ein umstrittener Literaturnobelpreisträger, als er im Jahr 2000 ausgezeichnet wurde. Das offizielle China lehnte die Entscheidung für ihn ab, weil er seit den späten Achtzigern im Pariser Exil lebt und in seinen Romanen das giftige Erbe der Kulturrevolution beschreibt, ohne dabei Rücksicht auf die Sprachregelungen des Regimes zu nehmen.

Im Westen konzentrierte man sich eher auf die Rolle seines schwedischen Übersetzers. Der ist nämlich nicht nur Mitglied der Nobelpreisjury, er konnte auch den Verdacht nie ausräumen, sein Insiderwissen genutzt zu haben, um einem ihm nahestehenden Verlag einen Vorteil verschafft zu haben.

Für beides kann Gao Xingjiang nichts. Trotzdem ist ihm zumindest auf dem deutschen Buchmarkt der große Durchbruch bisher nicht gelungen. Seinem Hauptwerk "Das Buch eines einsamen Menschen" wurde zwar von den meisten Kritikern bescheinigt, eine sehr gelungene und tiefgehende Beschäftigung mit den psychischen Verheerungen der Kulturrevolution zu liefern. Weltliterarischen Rang sprach ihm trotzdem niemand zu.

"Die Angel meines Großvaters" ist ein neuer Erzählungsband des Nobelpreisträgers. In Taiwan ist er in zwei Teilen bereits 1989 und 1996 herausgekommen. Die Geschichten selbst sind zwischen 1982 und 1986 entstanden. Gao arbeitete damals als Stückeschreiber für das Pekinger Volkstheater, eine Zeit, die seinen Ruf als Pionier des absurden Theaters in China begründete.

Es scheint für ihn eine glückliche Epoche gewesen zu sein - nach dem Wahnsinn der Kulturevolution, die Gao Haft in einem Umerziehungslager einbrachte und ihn im Zuge der revolutionären Landverschickung für fünf Jahre zur Feldarbeit auf ein Dorf führte. Fast alle Geschichten sind mit einem Datum versehen, und sie lesen sich wie Fingerübungen, wie Versuche sich zu erinnern.

Oft handeln sie davon, dass sich zwei Menschen wiedertreffen, die vor vielen Jahren zusammen studiert haben, und die sich nun, nach der Kulturrevolution, erzählen, wie es ihnen ergangen ist. Manchmal, wenn dies Begegnungen sind, in denen Gao versucht, Kontingenzerfahrungen zu beschreiben, sind diese Erzählungen in ihrer Lakonie äußerst gelungen. Etwa in "Fünfundzwanzig Jahre", wo der Erzähler seine Jugendliebe wieder trifft, von der er getrennt wurde, weil er ins Umerziehungslager musste - sie hatte Glück gehabt, wurde nur als "mittlere Rechte" eingestuft und kam davon.

Jetzt sehen sie sich, und während er vor Aufregung kaum etwas sagen kann, erinnert sie sich nur vage an ihn. Das hat etwas sehr Existenzialistisches: Wie geht man mit dem Umstand um, dass es reiner Zufall war, wenn es damals den einen traf und die andere nicht?

Wenn dieser politisch-philosophische Grundton fehlt, können die Geschichten aber auch vollkommen daneben gehen. Einmal jammert der Erzähler etwa seitenlang seiner Mutter vor, was für eine treulose Tomate er sei. Man erfährt nicht warum, und will es eigentlich auch nicht so genau wissen.

Rezensiert von Tobias Rapp

Gao Xingjian: Die Angel meines Großvaters
Erzählungen. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008
210 Seiten, 19,90 Euro


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandradio Kultur

Seit 20:03 Uhr
Konzert
Nächste Sendung: 22:00 Uhr
Musikfeuilleton

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandradio Kultur

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Kritik

Sachbuch: "Nur Egoismus kann das Klima retten"

Sendezeit: 12.02.2012, 11:33

Kritik: "Große Erwartungen" von Charles Dickens, Hanser, München 2011

Sendezeit: 11.02.2012, 11:32

Buchempfehlung Feb.: "Die Austreibung des armenischen Volkes" v. A.T. Wegner

Sendezeit: 10.02.2012, 16:34

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link