Der 1923 in Bilbao geborene Ramiro Pinilla gehört zu den größten Schriftstellern Spaniens. Sein politischer Roman "Der Feigenbaum" hält die Erinnerung an die Verbrechen der Franco-Diktatur wach. Das Buch fasziniert durch seine monumentale Schlichtheit. Die Sprache der Figuren ist kräftig und derb.
Er ist mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet worden und gilt als einer der wichtigsten spanischen Autoren des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart: der Baske Ramiro Pinilla, Jahrgang 1923. In Deutschland ist Pinilla praktisch unbekannt; nur ein einziges seiner 19 Bücher erschien in den 60er Jahren auf Deutsch, allerdings gleichzeitig in der Bundesrepublik und in der DDR: "Die blinden Ameisen". Nun ist nach 40 Jahren wieder ein Roman von Pinilla auf Deutsch erschienen, sein Titel: "Der Feigenbaum", - 2006 in Spanien veröffentlicht.
"Der Feigenbaum" ist ein politischer Roman, ein Mahnmal. Er will an die Verbrechen jener Diktatur erinnern, die Spanien von 1939 bis 1975 beherrschte, angeführt von Hitlers Ziehkind General Franco. Bis 1975 war Spanien eine Diktatur nach Nazi-Vorbild, die systematisch alle Regimekritiker, ob Sozialisten oder Demokraten, "beseitigen" ließ.
Nach Francos Tod 1975 kehrte Spanien zwar zur Demokratie zurück, aber Francos Anhänger trennten sich nur unter der Bedingung von der Macht, weil ihnen das Parlament eine General-Amnestie ihrer Verbrechen gewährte. Diese Amnestie wurde im Januar 2008 bestätigt. Gegen dieses Unterschlagen der Verbrechen wendet sich Pinillas "Der Feigenbaum" als ein Mahnmal gegen das Vergessen.
Es geht um einen konkreten Feigenbaum. Der Ich-Erzähler Rogelio Cerón, 1937 ein junger, überzeugter Franco-Nazi, gehört zu einer Mörder-Truppe. Dann aber wirft ihn etwas aus der Bahn: der Blick eines 10-jährigen Jungen, dessen Vater und Bruder vor seinen Augen von Rogelio ermordet werden. Rogelio, der junge Mörder - durch den Blick des Jungen wie verhext -, kann das Grab der Ermordeten nicht mehr verlassen. Und er sieht, wie jener 10-jährige Junge den Schößling eines Feigenbaumes auf das Grab pflanzt - soweit die Ausgangssituation. Dann beginnt der eigentliche Roman.
Pinilla erzählt die folgenden 30 Jahre und den Kampf des paralysierten Ex-Mörders, den Feigenbaum zu beschützen; zunächst wie ein Obdachloser, später verehrt wie ein heiliger Mönch, bewacht er das Grab und den wachsenden, blühenden Feigenbaum.
Obwohl über einen Zeitraum von 30 Jahren an einen einzigen Schauplatz gebannt, entwickelt sich der Roman zu einem atemberaubenden Thriller. Er beginnt mit Morden, und er endet mit einem Mord 1966, blättert raffiniert die psychologische Innensicht des Ex-Mörders auf - rasant im Präsens erzählt und mit Dialogen forciert.
"Der Feigenbaum" fasziniert durch seine monumentale Schlichtheit. Er verkommt keine Sekunde zum Rührstück, denn seine Protagonisten sind keine Kunstfiguren sondern authentisch. Ihre Sprache ist kräftig und derb, ihr Humor grob und deftig, sprich sehr spanisch: "In Spaniens Führungselite gibt es mehr Vitamin B als im Gemüsegroßhandel."
Pinillas Stil erinnert an den Existentialismus, an eine Grundstimmung wie in Camus' "Der Fremde". Man mische Sartre, Camus, Kafka, Cervantes und den braven Soldaten Schwejk, heraus kommt "Der Feigenbaum".
"Der Feigenbaum" ist ein politischer Roman. Er fordert die Aufklärung der Verbrechen während der Diktatur Francos, sein Ziel ist nicht Versöhnung sondern Wahrheit. "Der Feigenbaum" wirkt wie der Blick eines Kindes, wie ein lautloser Schrei, - das literarische Gegenstück zu Picassos Anti-Kriegsbild "Guernica", und er ist das urgewaltige, zeitlose Manifest eines der größten Schriftsteller Spaniens, Ramiro Pinillas Vermächtnis an Spanien und an Europa. Eine Perle der Weltliteratur.
Rezensiert von Lutz Bunk
Ramiro Pinilla: "Der Feigenbaum"
Übersetzt von Stefanie Gerhold
Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv) 2008,
320 Seiten, 15 €.
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