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16.10.2008

Entdeckung eines Massengrabs

Filip Florian: "Kleine Finger", Suhrkamp Verlag, 270 Seiten

Bei Ausgrabungen eines römischen Castrums nahe einem rumänischen Provinzstädtchen wird ein Massengrab entdeckt. Einiges scheint auf ein Verbrechen aus kommunistischer Zeit hinzudeuten. Deshalb reisen fünf Anthropologen aus Argentinien an, die das Schicksal der Verschwundenen unter der Junta untersucht haben. Filip Florian erzählt in dem Roman "Kleine Finger" von den Tagen, die zwischen der Entdeckung der Gebeine und dem Urteil der argentinischen Sachverständigen vergehen.

Bei Ausgrabungen eines römischen Castrums nahe einem rumänischen Provinzstädtchen wird ein Massengrab entdeckt. Ein Verbrechen der Securitate? Der Polizeichef, ein früherer Folterer, sucht seine Rettung in der Zustimmung zur öffentlichen Meinung und stoppt die Ausgrabungen für die Dauer der Untersuchungen. Ein Gerichtsmediziner und die Militärstaatsanwälte halten die Skelette für deutlich älter.

Doch die Behörden werden als Komplizen der Securitate verdächtigt, hatten sie doch schon vor 1989 ihre Funktionen inne. Also reisen fünf Anthropologen aus Argentinien an, die das Schicksal der Verschwundenen unter der Junta untersucht haben. Filip Florian erzählt in dem Roman "Kleine Finger" von den Tagen, die zwischen der Entdeckung der Gebeine und dem Urteil der argentinischen Sachverständigen vergehen.

Der Rahmen legt eine Kriminalgeschichte nahe, in deren Mittelpunkt forensische Methoden stehen. Möglich wäre auch ein psychologischer Roman, der Biografien über das Schlüsseljahr 1989 hinweg verfolgt. Filip Florian verspottet solche Entlarvungssehnsucht mit einem Reigen von immer fantastischer werdenden Geschichten.

Florian, 1968 in Bukarest geboren und lange Jahre Journalist, unter anderem bei Radio Freies Europa und der Deutschen Welle, hat offenbar genug davon, alles Böse in den Jahren der KP-Herrschaft unterzubringen - und warnt mit der Figur des früheren Folterers und jetzigen Polizeichefs vor der allzu leichten Instrumentalisierung dieser Haltung.

Mühelos fächert der Autor ein Panorama auf: Der durch den Grabungsstop beschäftigungslose Archäologe Petrus liest alte Stadtchroniken, lauscht den Träumen seiner Tante Paulina, lässt sich von deren Nachbarin, der Witwe Eugenia Embury, wahrsagen und von ihrer Liebe zu einem exzentrischen englischen Adeligen erzählen. Er besucht den Nachbarn Dimitru M., einen von den Kommunisten enteigneten Unternehmer, der unter dem Dach Tauben fängt und brät.

Mit Eugenias Nichte Jojo beginnt Petrus ein Techtelmechtel, nachdem überraschend von dem Mönch Gherghe die Rede war, der nie seinen Hut abnimmt, weil ihm innerhalb von vier Stunden ein steil aufrecht stehender, 20 Zentimeter langer Schopf wächst, der sechs Mal am Tag abgeschnitten wird. Gherghe war unter den Kommunisten zur Zwangsarbeit verurteilt worden und lebte nach seiner Flucht 16 Jahre lang als Einsiedler, in denen er die Bibel, soweit er sie erinnerte, auf Birkenrinde schrieb. Die Heilige Schrift füllte irgendwann seine Höhle aus.

Mal mehr, mal weniger verfremdet ein magischer Realismus die rumänischen Lebensgeschichten. Von der Grausamkeit der Diktatur erzählt Filip über den Umweg Argentinien, wo die Junta Tausende von Leichen mit Flugzeugen ins Meer werfen ließ. Die entsetzlichen Einzelheiten werden allerdings montiert mit ekstatisch geschilderten Fußballspielen mit Maradona. Dessen Rede von "der Hand Gottes", die ihm anstelle seiner eigenen zum entscheidenden Tor verholfen habe, liefert den Schlüssel zu "Kleine Finger": Die argentinischen Anthropologen werden "wie Erlöser erwartet", der Mönch Gherghe sieht beständig die Muttergottes wirken, alle führt eine "Sintflut an Knochen" zusammen, und der Erzähler trägt den Namen des wichtigsten Jünger Jesus. Filip Florian hat wild wuchernde Apokryphen verfasst.

Die verschiedenen Erzählperspektiven und Genres von der Ich-Erzählung über die Mauerschau bis hin zur Heiligenlegende zeigen eine in ihren Grundfesten erschütterte Gesellschaft, die in ihrer Ratlosigkeit Zuflucht bei einem heidnisch anmutenden, nur von fern ans Christentum erinnernden Glauben sucht.

Als die Argentinier schließlich die Toten als Opfer einer Pestepidemie um 1800 bezeichnen, kommentiert Florian in der einzigen erzähltheoretischen Bemerkung des Romans: "Dann flossen die Zeitformen der Verben wieder zusammen, die Erzähler der ersten und der dritten Person (letztere mit zahlreichen Varianten und Identitäten) wurden zu einem einzigen (...)". Der Autor nimmt sich also die Lizenz zum Geschichtenerzählen nur solange, wie sich Bürger und Polizeichef ihren Fantasien über das kommunistische Böse hingeben.

Die Wahrheit räumt mit dem Spuk auf - das ist ein etwas harmloses Ende eines Debüts, das die fantastische Tradition rumänischer Literatur auf ungewöhnliche Weise fortschreibt. Manches in "Kleine Finger" wirkt nur angedeutet. Aber von Filip Florian wird sicher noch zu hören sein.

Rezensiert von Jörg Plath

Filip Florian: Kleine Finger
Roman
Aus dem Rumänischen von Georg Aescht
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
270 Seiten, 22,80 Euro


 
 

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