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19.02.2009
Aus der Beschreibung einer Fußballübertragung in einer Kneipe wird eine fulminante Studie.  (Bild: AP) Aus der Beschreibung einer Fußballübertragung in einer Kneipe wird eine fulminante Studie. (Bild: AP)

Erlebnisse eines Losers

Matthias Keidtel: "Das Leben geht weiter. Ein Holm-Roman", Goldmann Verlag, 2009, 368 Seiten

Der Held in Matthias Keidtels Fortsetzungsroman ist Ende Dreißig und heißt Holm. Nach einigen Bauchlandungen ist er in sein Elternhaus zurückgekehrt, wo er mit Vorliebe Musik von Reinhard Mey hört. Seine Lebensuntüchtigkeit ermöglicht auf gewöhnliche Alltagsbegebenheiten einen neuen, komischen Blick, der auf Dauer aber auch ermüden kann.

Felix Holm ist zurück, jener mit den Dingen des alltäglichen und des sonstigen Daseins so schwer zurechtkommende Enddreißiger. 2006 hatte ihm Matthias Keidtel, Jahrgang 1967, in dem Roman "Ein Mann wie Holm" Leben eingehaucht und das Muttersöhnchen Holm mit den harten Tatsachen des 21. Jahrhunderts konfrontiert. Damals war Holm bei einer Tante untergeschlüpft, hatte schwerste Bewährungsproben in der ihm fremden Supermarktwelt zu bestehen und schließlich die - natürlich ins Unglück führende - Bekanntschaft mit Ulrike, einer leibhaftigen Frau, gemacht.

"Das Leben geht weiter" - ein Titel der dem Weisheitenfundus des Fußballtrainers Dragoslav Stepanovic entlehnt ist - knüpft an dieses Debakel an und zeigt den mickrigen Helden, wie er notgedrungen ins Alt-Rudower Elternhaus zurückkehrt. Seine Mutter bekocht ihn, sein Vater straft ihn mit Verachtung und der Berufstätigkeiten nicht zugeneigte Holm kennt nur eine in seiner Altersgruppe nicht sehr verbreitete Leidenschaft: das Abhören von Reinhard-Mey-Liedern. Als er sich schließlich, in einer Trotzreaktion, nach Frankreich aufmachen will, um den Samen einer nach dem Liedermacher benannten Rose zu importieren, und die kühne Expedition endet, ehe sie beginnt, setzt eine neuerliche Holm'sche Odyssee ein, die ihm zahlreiche Absonderlichkeiten West- und Ost-Berlins erschließt.

So bezieht Holm ein heruntergekommenes Hotelzimmer, schließt sich einem undurchschaubaren Mann names Elie Glick an, der ihn neu einkleidet und ihm Frankenstein- und Roberto-Blanco-Masken führende Fachgeschäfte zeigt, heuert als Türsteher in einem Stripteaselokal an, erlebt heftigen Beischlaf mit der Bardame Sabine, besucht eine Hochzeit von Kurden, die er für Türken hält, und scheint sich am Ende seinen Lebenstraum zu erfüllen: den Besuch eines Reinhard-Mey-Konzerts.

Matthias Keidtels "Das Leben geht weiter" ist ein komisches Buch, das mit bemerkenswerter stilistischer Eleganz unterschiedliche Milieus vorstellt und sowohl einen genauen Blick für die begrenzten Schönheiten kleinbürgerlicher Reihenhaussiedlungen als auch für die Großspurigkeit halbkrimineller Möchtegerngrößen hat. Die keineswegs plumpe und nicht nach simplen Kalauern schielende Komik des Erzählten beruht auf einer klaren Strategie: Die Lebensuntüchtigkeit und das Nicht-Bescheid-Wissen des tumben Losers aus Rudow ermöglicht einen "fremden" Blick auf gewöhnlichste Alltagsbegebenheiten und macht aus der Beschreibung einer Fußballübertragung in einer Kneipe gleichsam eine fulminante ethnologische Studie.

Der Aha-Effekt dieses Vorgehens verpufft indes ein wenig, je länger sich der Roman hinzieht. Denn da Matthias Keidtel gezwungen ist, seinen kümmerlichen Protagonisten immer wieder neuen Schrecken auszuliefern, setzt eine leise Ermüdung ein. Dauerhaft mit nichts und niemandem zurechtzukommen, dieses Holm'sche Defizit nimmt dem über weite Strecken vergnüglich zu lesenden, etwas zu lang geratenen Romans manches von seinem Charme.

Rezensiert von Rainer Moritz

Matthias Keidtel: Das Leben geht weiter. Ein Holm-Roman,
Goldmann Verlag, 2009, 368 Seiten, 16,95 Euro


 
 

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