Ein Mann verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Seine Frau verliert ihn im Metropolitan Museum. Sie wollte nur kurz auf die Toilette, er vor einem Bild auf sie warten. Doch dort ist er bei ihrer Rückkehr nicht mehr. - In "Ein Nachmittag im Herbst" von Mirjam Kristensen wird eine Ferienreise nach New York zum Albtraum.
Man kennt das Motiv aus dem Kino: In Hitchcocks berühmtem Film verschwindet eine Dame, die jedoch am Ende wieder auftaucht, weil sie das Objekt krimineller Machenschaften war, die aufgedeckt werden können. In dem Roman der jungen norwegischen Autorin Mirjam Kristensen helfen der Protagonistin jedoch weder kriminalistische Spuren noch detektivische Verbündete. Die Sache ist und bleibt mysteriös.
Kurz nach ihrer Ankunft in New York besucht das Paar das Metropolitan Museum. Dort versenkt sich der Mann in ein Gemälde von George de la Tour, sie geht auf die Toilette. Danach ist nichts mehr, wie es war. Ihr Mann ist verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen. Seine Jacke hängt noch in der Garderobe, später wird ein alter Buchhändler im Park seine Börse finden, und eine Frau wird auftauchen, die mit ihm vor dem und über das Bild gesprochen hatte.
An diesem Herbstnachmittag verändert sich das Leben der Heldin, die sich bis dahin ihres Glücks sicher war, keinen Zweifel hatte, dass ihr Mann sie liebt, dass die Zukunft gerade und offen vor ihr liegt. Sie findet keinen Hinweis für den Grund seines Verschwindens. Sie trifft die Museumsaufseherin, die ihn zuletzt sah, storniert ihren Rückflug und versucht sich im ratlosen Leiden einzurichten.
Vielleicht kannte sie den Mann nicht wirklich, den sie liebte, vielleicht hatte er genug von all der Freundlichkeit zwischen ihnen? Mirjam Kristensen erzählt eindrucksvoll von einer Frau, die in einem Moment alle Sicherheit verliert, die in einer fremden Stadt plötzlich auf sich gestellt ist, die ein paar Menschen trifft und in ihre Schicksale verwoben wird, - und die am Ende sich ins Unvermeidliche fügt, dass das Leben nämlich Gesetzen gehorcht, die sie nicht versteht und nicht beeinflussen kann.
Der Autorin gelingt dabei einerseits das Kunststück, allein durch einige wenige Hinweise deutlich zu machen, dass ihre leidende Heldin vielleicht in einer großen Liebesillusion lebte, dass man sich des nächsten Menschen nie ganz sicher sein sollte, - und uns andrerseits am Ende der Lektüre nicht enttäuscht zurückzulassen, weil das Leben eben nicht wie das Kino funktioniert.
Rezensiert von Manuela Reichart
Mirjam Kristensen: Ein Nachmittag im Herbst
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Dörlemann Verlag, Zürich, 2009
223 Seiten, 19,80 Euro
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