Zum 80. Geburtstag des niederländischen Schriftstellers Remco Campert kommt nun eine Sammlung mit Erzählungen und Kurzgeschichten heraus. Darin beschwört er "den poetischen Moment innerhalb der grauen Alltagswahrnehmung".
Der niederländische Schriftsteller Remco Campert ist bei uns kaum bekannt. Neben den monumentalen Werken populärer Kollegen wie Harry Mulisch oder Cees Nooteboom wirken seine bei uns im Arche Verlag erscheinenden Prosawerke bescheiden im Ton, absichtlich unscheinbar - und gerade darin faszinierend, liebenswert. Obwohl sich Campert zunächst als Dichter charakterisieren würde, sind bis jetzt nur eine Handvoll Gedichte ins Deutsche übertragen worden. Zwei Romane, zwei Prosabände und ein Hörbuch sind auf Deutsch lieferbar. Zum Geburtstag erscheint nun ein schmaler Band mit Kurzgeschichten, die einen Querschnitt durch alle Phasen von Camperts Schaffen bilden. Der früheste Text stammt von 1954, der späteste von 1998.
Campert als Erzähler von kurzen Geschichten kreist um das alte Thema von Kunst und Leben. Aber nicht - wie bei Thomas Mann - ist Kunst der lebens- und liebestötende Stachel im Fleische, sondern vielmehr eine Art Übermenschentum, die seine Umgebung in einen schöpferischen Wirbel hineinzieht. Der Dichter Onno Mulder möchte in der Titelgebenden Geschichte "Sanfte Landung" seit Monaten ein Gedicht auf seinen verstorbenen Freund verfassen und steigert seine Schreibhemmung bis zum Vollsuff. Seine Phantasien kreisen um glückliche Kindheitserinnerungen. Seine Rückzugsverstecke nennt er die "Orte, wo man sanft landet".
In einem Text von 1998 bricht ein Mann urplötzlich zu einer Fußwanderung nach Paris auf und erregt die Verwunderung seiner Umgebung. Campert meidet das Grelle, Filmdrehbuchhafte. Ganz wie in seinen Gedichten, die ganz bewusst ungebildete und ungeübte Leser ansprechen sollen, die von Campert so genannten "Ungeweihten", lässt er das Material sich langsam und unprätentiös entwickeln. Unprätentiös - obwohl das letztlich doch pathetische Dichterbild wahrscheinlich auch dem seines Autors ähneln wird.
Seine Sprache ist in der Übersetzung von Marianne Holberg rhythmisch und schlicht. Nur manchmal steuert der Lyriker ein Naturbild oder eine einzelne Metapher bei. Man könnte trotz seiner trunksüchtigen Hauptfiguren eine gewisse Bravheit monieren, aber das hieße Campert zu unterschätzen. Seine bisweilen graue Einfärbung ist nur eine falsche Fährte für den oberflächlichen Leser. Das Spektrum seiner Erzählkunst entwickelt sich im Durchgang durch seine Kurzgeschichten, die den poetischen Moment innerhalb der grauen Alltagswahrnehmung beschwören. Es lohnt sich, Remco Campert neu zu entdecken.
Besprochen von Marius Meller
Remco Campert: Sanfte Landung
Erzählungen. Arche Verlag, Hamburg und Zürich 2009
157 Seiten, 18 Euro
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