Der Schriftsteller Ingo Schulze hat sich für andere Inhalte in den Diskussionen zwischen Ost- und Westdeutschland ausgesprochen. Ein Grundübel sei die Ideologie, nach der die Wirtschaft unbedingt wachsen müsse. Dabei sei der wirtschaftliche Kollaps Ostdeutschlands totgeschwiegen worden. Der Erzähler in Schulzes Roman "Neue Leben" schreibt im Jahr 1990 Erinnerungen an die DDR auf.
Gabi Wuttke: 790 Seiten Ingo Schulze gibt es ab morgen zu lesen. Eine Geschichte, die von der DDR erzählt. Sie spielt 1990, geht aber zurück bis in die 70er Jahre. Die Hauptfigur heißt Enrico Türmer und erinnert sich an die 80er Jahre in der DDR. Was ist das eigentlich für ein Typ, den Sie uns da vorstellen, Ingo Schulze? Was macht der, was erzählt er?
Schulze: Es ist schwer, mit ein paar Sätzen nur zu fassen. Manchmal bin ich mir auch etwas unsicher, was den Enrico Türmer betrifft. Weil die Schwierigkeit ist, dass was er erzählt, man weiß immer nicht, was ist eigentlich erfunden und was entspricht der Realität? Da gibt es also eine ganze Menge Verunsicherung. Er ist jemand - und das ist vielleicht so sein hervorstechendstes Charakteristikum -, der mit 14, 15 sagt: "Ich will Schriftsteller werden", und von da an seine ganze Umwelt danach einordnet: Was macht mich produktiv, was kann mir nützen. Und er erzählt das aber als eine Abrechnung eigentlich mit diesem Leben, das er geführt hat. Aus einer Situation heraus, in der er zu einem Geschäftsmann wird, also im Laufe des Jahres 1990.
Wuttke: Wie viel Ingo Schulze steckt in der Figur von Enrico Türmer?
Schulze: Also die Lebensstationen, die Enrico Türmer durchläuft, das sind meine eigenen. Also das ist das, worüber ich Bescheid wusste. Die Sichtweise auf die Dinge und auch, glaube ich, so die innere Konstitution sind, glaube ich, doch sehr verschieden.
Wuttke: Inwiefern?
Schulze: Na ja, das ist jetzt schwer zu sagen. Ich war jemand, der längst nicht so ein Beobachter war wie er. Ich war natürlich sehr viel naiver. Und das, was er sieht, also im Laufe des Jahres 1989, dass also mit dem Osten auch der Westen verschwinden wird, das sind Dinge, die waren mir eigentlich sehr weit weg, das hatte nichts mit mir zu tun.
Ich denke auch und hoffe das natürlich, dass ich niemand bin, der sich sozusagen bewusst Situationen schafft, in denen er dann produktiv wird. Ich meine, wenn jemand etwas macht, dann ist das natürlich eine Reaktion auf gewisse Erfahrungen. Das perfide an dieser Figur ist eben, dass er das umkehrt. Also es gibt diesen schrecklichen Titel von Marquez: "Leben um zu erzählen". Ich finde das ziemlich perfide. Also so jemand ist eigentlich dieser Türmer. Also lieber die ganze Welt geht in Brüche, aber Hauptsache, ich bleibe produktiv.
Wuttke: Ihr neues Buch ist ziemlich kompliziert aufgebaut. Ingo Schulze firmiert als Herausgeber und Fußnotenkommentator der schriftlichen Hinterlassenschaften - sagen wir es einmal so - von Enrico Türmer. Der wiederum schreibt mal recht offenherzige Briefe an seine Schwester, das scheint so ein fast inzestuöses Verhältnis zu sein. Dann wiederum versucht er sich als Erzähler - auch das wieder im Gewand eines Briefeschreibers. Warum so eine sehr komplizierte Struktur?
Schulze: Ach, ich fand es gar nicht so kompliziert. Also ich meine, es ist jemand, der Briefe an drei Adressaten schreibt und - wie das in so Briefpublikationen üblich ist - es gibt einen Herausgeber, der dies und das erklärt und vielleicht auch auf Unstimmigkeiten und Fehler hinweist. Und das Interessante daran ist, dadurch, dass er drei Leuten schreibt, liefert er zum Teil unterschiedliche, widersprüchliche, sich auch einander widersprechende Versionen oftmals von ein und derselben Sache, so dass so eine Unschärfe hineinkommt. Und das war mir eigentlich sehr wichtig. Also der Herausgeber verstärkt diese Unschärfe, diese Unwägbarkeit und das ist für mich auch ein Charakteristikum dieses Erlebens dieser Zeit oder eigentlich überhaupt von Erinnern.
Wuttke: Alle Sachen haben zwei Seiten. Das ist die Geschichte mit der berühmten Medaille. Was sind für Sie diese beiden Seiten Ihres neuen Buchs?
Schulze: Ja, ich hoffe ja, dass es sogar mehr als zwei Seiten hat. Also einmal war es mir wichtig - und das ist eine Sache, die mit den verschiedenen Adressaten zusammenhängt -, dass er gegenüber einer Frau aus dem Westen eigentlich mit seinem Leben abrechnet. Und da ist - mit seinem bisherigen Leben abrechnet - und da ist seine grundlegende Frage: Wie kam der Westen in meinen Kopf und was hat er da angerichtet?
Und die Jetztzeit-Ebene, in der er vom Angestellten zum erfolgreichen, in gewisser Weise rücksichtslosen Chef eines Anzeigenblattes wird, die reflektiert er in dem Sinne nicht. Das ist alles Jetztzeit. Und für mich war es interessant und wichtig zu versuchen, diese beiden verschiedenen Welten, also diese Welt bis zum Mauerfall und das, was dann danach kommt und was sich mit der Währungsunion dann verfestigte, möglichst nah aneinander zu rücken, damit man diese Verschiedenartigkeit und diese ganz schwere Vergleichbarkeit empfindet. Dass man das sieht.
Wuttke: Wie war das mit Ihrem Ankommen im Westen?
Schulze: Die Schwierigkeit ist, dass ich ja gar nicht im Westen ankommen konnte. Denn das, wonach wir uns gesehnt haben, war praktisch mit dem Mauerfall fast verschwunden, muss man sagen. Also ich... Der Türmer gräbt ganz frühe Erinnerungen aus, in denen zum Beispiel seine Großeltern aus dem Westen zurückkommen und da Dinge mitbringen, die eben andere nicht haben. Und diese jährliche Rückkehr der Eltern, der Großeltern von dem West-Besuch stellt er in die Reihe der Feiertage und stellt das also über Weihnachten. Das war der größte Tag in seinem Leben und bedauert die anderen, dass sie nicht solche Dinge hatten.
So kam also der Westen so allmählich in den Kopf und war immer präsent. Und sein Traum war ja dann, und das hat ihn überhaupt auch zum Schriftsteller werden lassen oder dass er wünschte, er ist Schriftsteller zu werden, um eines Tages - so ähnlich wie Wolf Biermann, mutig und gefeiert - in den Westen zu gehen. Und er bricht ja zusammen, dieser Türmer, und gibt sein Schreiben auf, als die Mauer fällt und er mit Millionen anderer jetzt in den Westen geht und da nach Begrüßungsgeld ansteht.
Für mich ist beispielsweise, also wenn man in diesem Funkhaus hier, ehemals RIAS, ist - wir haben eben auch "Der Onkel Tobias vom RIAS ist da", das gab es offenbar, konnte man sogar in Dresden hören. Und das gehört natürlich auch dazu. Das kann man heute natürlich noch mal auch sehr kritisch sehen.
Aber der Westen war natürlich sehr tief drin. Und da es keine Möglichkeit gab, den selbst zu sehen oder keinen normalen Weg, keinen einfachen Weg, da wurde das etwas nahezu Metaphysisches, dieses Jenseits. Wir lebten im Diesseits, konnten aber Unter den Linden das Jenseits sehen, durchs Brandenburger Tor durch. Und mit dem Mauerfall war natürlich Diesseits und Jenseits verschwunden, was uns eine große Freude war. Und plötzlich merkte man eigentlich: Was ist passiert?
Wuttke: Es hat nie ein Ankommen gegeben, im Nichts?
Schulze: Ach, diese Frage des Ankommens steht für mich gar nicht. Also das ging ja ganz schnell im Osten. Es gab praktisch keine Übergangsperiode und dann war man Bundesbürger. Und glücklicherweise war man Bundesbürger: Man hatte die D-Mark, man konnte dies und das machen, das war ja eine unglaubliche Verbesserung. Also, in dem Moment war man schon im ersten Augenblick angekommen. Also das ist für mich nicht so die Frage.
Ich kann auch mit diesem Begriff "innere Einheit" und so was kann ich überhaupt nichts anfangen. Ich meine, andere Länder haben auch über Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte ihre Verschiedenheit. Wir haben halt ganz andere Sozialisation, wobei - das halte ich gar nicht so für das Entscheidende. Das Entscheidende ist, was meiner Ansicht nach vielmehr ... was nach 1990 passiert ist. Und da ist ein einfach - das war ein wirtschaftlicher Kollaps, das hätte damals jeder sehen können. Die Politik hat es zum Teil verschwiegen, um gewählt zu werden. Die Ostdeutschen haben das nur zu gern geglaubt, wie Kinder an den Weihnachtmann. Also da liegt schon Schuld sehr auf beiden Seiten.
Die Frage ist natürlich auch: Wie hätte es anders gehen sollen? Aber: so ist halt Ostdeutschland ein Absatzmarkt geworden, ohne als Konkurrenz in Betracht zu kommen. Und das hatte für die Beteiligten zum Teil sehr angenehme Seiten. Also jeder Russe, jeder Pole hat uns ja auf die Schulter geklopft und gesagt, so gut möchten wir es auch einmal haben.
15 Jahre danach sieht das anders aus. Und über so was muss man halt reden und man muss auch aufhören, diese Märchen, dass sich da irgend etwas Entscheidendes bessern soll - woher soll denn das kommen? Und man muss halt versuchen dann, wirklich ein anderes Denken, über andere Dingen einfach zu reden. Zum Beispiel: Es ist klar, es schrumpft, es geht zurück, langsam. Aber wie geht man mit so was um? Und dann - man kommt, egal wo man anfängt zu denken, man kommt immer auf diese - irgendwie kommt man immer auf diese Wachstumsideologie, die ich für ein Grundübel halte.
Wuttke: Ingo Schulze über sein neues Buch "Neue Leben". Morgen erscheint es. Schönen Dank, dass sie heute hier waren.
Schulze: Sehr gern.
Wuttke: Ab Sonntag ist er dann auf Lesetour durch Deutschland.
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