In der Diskussion um den möglichen Vatikan-Erlass, Homosexuellen die Priesterweihe zu verwehren, hat der Vorsitzende der ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche e.V., Reinhold Weicker, vor einem Klima der Einschüchterung gewarnt. Homosexuelle würden damit in ihrer Gewissens- und Redefreiheit eingeschränkt.
König: Müssen Priester nicht generell keusch leben im Sinne des Vatikans, ganz egal, ob sie hetero- oder homosexuell sind?
Weicker: Ja, das ist so. Diese Forderung gilt für alle. Keusch leben im Sinne von - wenn ich die römisch-katholische Forderung richtig interpretiere - in diesem Falle auf Sexualität generell zu verzichten. Wir wissen, dass das problematisch ist. Und wir sind uns mit vielen anderen Reformgruppen innerhalb der katholischen Kirche einig, dass man das wohl berechtigt in Frage stellen muss. Aber es ist nicht zu erwarten, dass die römische Kirche sofort über ihren Schatten springt und das abschafft.
König: Ist das eine Diskriminierung, dass nun die Homosexuellen so herausgegriffen werden und ihnen in besonderer Weise Keuschheit auferlegt wird?
Weicker: Ja. Ich würde eben sagen, nicht nur Keuschheit auferlegt im Sinne von nicht sexuell aktiv sein. Wenn Sie das Dokument genau lesen, steht ja darin, dass sie nicht einmal tief verwurzelte homosexuelle Tendenzen haben dürfen. Es gibt ja viele Priester, die schwul sind, die das aber nicht praktizieren. Trotzdem haben sie - würde ich sagen, vermuten - homosexuelle Tendenzen. Sie trauen sich in Ausnahmefällen manchmal auch, das offen auszusprechen. Selbst das wird einem künftigen Priesteramtskandidaten verwehrt. Und wenn ich auf Ihre Eingangsfrage - Was soll daraus werden? - komme, die Sie vorhin in der Anmoderation gebracht haben: Wir fürchten ein verstärktes Klima der Einschüchterung und des Versteckens. Und das ist genau das, wo wir mit vielen Mitchristen und -christinnen einig sind, was Kirche nicht sein darf.
König: Diese neuen geplanten Regelungen sollen nur zukünftige Priester betreffen?
Weicker: So sind sie formuliert, ja.
König: Das heißt, ein angehender Priester darf homosexuelle Tendenzen nicht verschweigen, aber als Homosexueller Priester werden, das darf er auch nicht? Wie soll, wer schwul ist und Priester werden will, diesen Konflikt lösen, ohne in ein unglaubliches Maß an Heuchelei zu verfallen?
Weicker: Das ist schwierig, zu sagen. ...
König: Aber das ist die Situation, vor die viele sich gestellt finden.
Weicker: Das ist die Situation, ja. Auch die römisch-katholische Kirche - ich selbst bin evangelisch, habe also nicht diese Detailkenntnis, aber natürlich in einer ökumenischen Arbeitsgruppe bekomme ich sehr viel mit. Die Gewissensfreiheit, auch in religiösen Dingen, wird auch von der römisch-katholischen Kirche nicht in Frage gestellt. Da könnte der Einzelne sein Gewissen prüfen gegen das, was in offiziellen Weisungen die Amtskirche von ihm erwartet. Aber ich gebe zu, die offizielle Haltung ist so: Es wird von ihm erwartet, dass er nicht Priester wird.
König: Was glauben Sie, wer wird die Enthaltsamkeit, die mindestens drei Jahre lang gepflegt werden muss, wer wird die überprüfen?
Weicker: Die theoretische Forderung, die in dem Dokument steht: der Kandidat selbst. Es wird zumindest zugegeben, dass die geistlichen Betreuer im engeren Sinn, das was man "Spiritual" nennt in Priesterseminaren oder ein Beichtvater, dass die darüber natürlich schweigen dürfen. Das ist - zum Glück - eine Selbstverständlichkeit eigentlich. Und dass ich sie extra positiv bewerte - ja gut, wenigstens von denen wird nicht verlangt, dass sie ihn denunzieren. Aber das ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Von den offiziellen Vorgesetzten, dem Regens des Priesterseminars oder dem Bischof, wird erwartet, wenn sie eine homosexuelle Neigung kennen, die tief verwurzelt ist, so heißt es ja in dem Dokument - nicht einmal praktizieren, schon die Neigung, die tief verwurzelte Neigung reicht aus -, dann wird von ihnen gefordert, die Priesterweihe zu versagen.
König: Es wird ja immer wieder darüber spekuliert, dass es unter Priestern einen ungewöhnlich großen Anteil von Homosexuellen gäbe. Mitunter heißt es, ein Viertel oder auch ein Drittel aller Priester sei schwul. Vor diesem Hintergrund: Was wird dieser Text, dieses Vorhaben des Vatikan, unter den Priestern anrichten, auslösen?
Weicker: Ich will also mich auf Zahlenspekulationen nicht einlassen. Das wäre sehr riskantes Feld und ob man da seriös was sagen kann, weiß ich nicht. Sicher gibt es eine ganze Reihe. Unter denen, fürchte ich - ich habe auch schon entsprechende Äußerungen gelesen, manchmal haben Online-Presseorgane versucht, da jemanden zu erreichen, der bereit ist, darüber zu sprechen, meistens unter Bedingungen der Anonymität - ja sie fühlen sich enttäuscht von ihrer Kirche. Sie wissen - und ich denke, objektiv kann man das im Allgemeinen sagen -, sie leisten gute Arbeit und es wird ihnen gesagt: Eigentlich hätten wir dich ja gar nicht zum Priester machen dürfen!
König: Das Vorhaben wird ja begründet mit dem Argument, damit solle dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester vorgebeugt werden. Dagegen wird nun niemand etwas haben, aber impliziert wird damit, dass alle schwulen Priester potenzielle Kinderschänder sind?
Weicker: Die Vorgeschichte dieses Dokuments impliziert das. Im Dokument selbst - das ist, wenn Sie so wollen, ein positiver Aspekt - ist von Pädophilie nicht die Rede. In einem älteren Dokument von 1961 - was zum Glück der Vatikan lautlos in der Versenkung verschwinden lässt - sind Homosexualität und Pädophilie in einem Satz genannt. Das ist natürlich etwas, wogegen wir uns strikt wehren, was jeder Fachmann bestätigen kann, das sind zwei verschiedene Dinge. Eine unverarbeitete Sexualität, die sich möglicherweise in krimineller Weise gegen Kinder wendet, die strafbar ist, die zu verurteilen ist, und eine Homosexualität als einvernehmliche Beziehung zwischen Erwachsenen, das sind zwei verschiedene Dinge.
König: Welche anderen, vielleicht tatsächlichen Gründe für dieses Papier könnte es geben?
Weicker: Gut, also was die äußere, den äußeren Anlass angeht, kann ich mir durchaus vorstellen, dass die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle, vor allem aus den USA, zu dem Kurzschluss im Vatikan geführt haben: Schmeißen wir doch die Homosexuellen raus, dann haben wir Ruhe an der Front. Die innere - also unabhängig jetzt vom Komplex Missbrauchsfälle, die es gegeben hat -, dann muss man natürlich tiefer gehen, über das Verständnis von Sexualität innerhalb der römisch-katholischen Kirche allgemein.
König: Und da muss ich auch wirklich noch mal nachfragen: Wird da nicht doch die ganze Homosexualität in die oder zumindest in den Ruch des Illegalen gerückt?
Weicker: Illegal jetzt nicht im juristischen Sinn, aber im kirchlichen Sinn, ja. Sexualität ist erlaubt, wenn sie zu Kindern führen kann. Das ist die Grundüberschrift der römisch-katholischen Sexualitätsauffassung - auch in anderen Punkten, denken Sie an Verhütung und so weiter. Und da nun homosexuelle Beziehungen nicht zu Kindern führen können, sind sie letztlich, ja, "ungeordnet" heißt es in einem Dokument. Die Neigung ist "ungeordnet", und wenn man es praktiziert, ist es Sünde. Das ist, kurz zusammengefasst, die offizielle Stellungnahme.
König: Der Vatikan hat gerade die brasilianische Sängerin Daniela Mercury wieder ausgeladen - sie ist immerhin Botschafterin des Anti-Aids-Programmes der Vereinten Nationen, auch des UN-Kinderhilfswerks UNICEF. Sie sollte am 3. Dezember in Rom auftreten, wurde jetzt wieder ausgeladen, weil sie für Kondome im Fernsehen geworben hat. Was sagen Sie dazu?
Weicker: Der spezielle Fall, entschuldigen Sie bitte, der, da kenne ich jetzt, da habe ich jetzt noch nicht davon gehört, ...
König: Es ist auch ganz frisch gemeldet worden.
Weicker: ... aber es entspricht der bisherigen Haltung des Vatikan. Dass er ignoriert, was zu einer Bekämpfung von Aids - wir wissen ja, dass Kondome da ein wichtiges Mittel sind, um die Verbreitung einzudämmen -, dass er das aus den, ja, genannten, ich will mal sagen ideologischen Gründen für unrichtig hält und deswegen seine Linie durchsetzen will.
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