Der Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, Wilfried Menghin, sieht Fortschritte bei der Zusammenarbeit der Museen im Beutekunststreit. Als Beispiel dafür nannte er die Ausstellung des Goldschatzes der Merowinger, des ältesten fränkischen Königsgeschlechts, die 2007 in Moskau und St. Petersburg zu sehen sein wird.
Kassel: Damals, 1945, hieß der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin Wilhelm Unverzagt. Heute heißt er Wilfried Menghin und ist bei mir im Studio. Schönen guten Morgen, Herr Menghin!
Menghin: Guten Morgen!
Kassel: Das Schöne, bevor wir uns auch über die vielleicht nicht ganz so schönen Hintergründe unterhalten, ist ja nun, dass ab Februar jeder, der nach Moskau und später St. Petersburg kommen kann, diese Ausstellung wird sehen können. Was genau wird nun aber zu sehen sein in dieser Ausstellung?
Menghin: In der Ausstellung werden circa 1100 Objekte ausgestellt sein. Von diesen 1100 Objekten stammen 700 aus der Beutekunst, aus den Beständen, die in Moskau und in St. Petersburg aufbewahrt werden. Wir selbst aus Berlin geben noch einmal 200 dazu, um vorzuführen, was zusammengehört an diesen getrennten Komplexen, und dann ist es auch ganz wichtig, dass auch die russischen Kollegen originäre russische Funde mit beisteuern, um einen Gesamtkomplex dieser Zeit darstellen zu können, also die Zeit vom 5. bis zum 8. Jahrhundert, man kann sagen zwischen Rhein und Wolga, um einmal aufzeigen zu können, wie sich die Verhältnisse archäologisch darstellen in dieser Völkerwanderungs- und Merowinger Zeit. Also eine durchaus kulturhistorische Ausstellung, die zum Teil eben Beutekunst enthält oder zum großen Teil, aber ansonsten eben tatsächlich den Zweck verfolgt, etwas darzustellen, nämlich diese Geschichte, die Archäologie des 5. bis 8. Jahrhunderts in Europa.
Kassel: Wird bei den Exponaten, bei denen es sich tatsächlich um Beutekunst handelt, es auch dranstehen in der Ausstellung?
Menghin: Also ein ganz wichtiger Punkt in den Verhandlungen, dass diese Objekte auch in Russland in den Ausstellungen gekennzeichnet werden und zwar mit dem Satz: Bis 1945 Museum für Vor- und Frühgeschichte, Berlin. Es war eine Voraussetzung, dass überhaupt diese Ausstellung zustande kam, denn natürlich ist so eine Ausstellung nicht einfach von Museum zu Museum zu machen, sondern da spielen auch höhere Politiker mit, also es sind auch staatliche Interessen dahinter, also das muss alles dann auf höchster Ebene geklärt sein.
Kassel: Es hieß und heißt bis heute von russischer Seite so, dass Moskau, als auch St. Petersburg gerne, - naja, in der Politik ist das schwierig und auch gerade die deutsche Politik habe sich da sehr unschön verhalten - auf der Ebene der Museumsexperten ist das alles ganz einfach, und da wird man sich viel schneller einig. Kam Ihnen das tatsächlich auch so vor?
Menghin: Ja, so einfach ist es auch wieder nicht, aber es ist vor kurzem ein deutsch-russischer Museumsdialog ins Leben gerufen worden von dem Präsidenten der Stiftung Deutscher Kulturbesitz und auf dieser Basis eben scheint es besser zu gehen. Wir haben es erlebt, heuer im Januar, dass wir sehr nett empfangen worden sind in Moskau von den dortigen Direktoren, also Sturkow und Frau Antonova und dann Pietrowski (Anmerk. d. Red.: Namen wie gehört). Also es ist wirklich so, dass mit diesem Museumsdialog auf der Arbeitsebene doch einiges mehr passieren kann, als wenn sich in dieser verfahrenen Situation, die sich politisch darstellt, irgendetwas gemacht werden soll. Da ist kaum etwas zu machen im Augenblick, aber auf der Arbeitsebene muss es gemacht werden, denn man kann nicht einfach die Dinge so ruhen lassen und abwarten, bis einmal irgendetwas passiert, sondern man muss operativ tätig werden, und das tun wir mit dieser Ausstellung.
Kassel: Auf Frau Antonova, die Sie gerade erwähnt haben möchte ich gleich noch extra kommen. Aber dieser deutsch-russische Museumsdialog, der hat vor dieser Ausstellung, die es nun geben wird, vor allen Dingen eine bemerkenswerte Folge gehabt: Schon 2004 konnten Sie nach Moskau reisen und dort diesen Schatz der Merowinger wirklich in Augenschein nehmen. Beschreiben Sie das mal. Das ist doch sicherlich etwas gewesen, wovon sie lange gedacht haben, das werden sie nicht erleben.
Menghin: Ja, wir sind da 2004 nach Moskau gefahren, der Generaldirektor der Staatlichen Museen Peter-Klaus Schuster und ich und durften dann nach langen Verhandlungen, nach langem Hin und Her die Objekte sehen. Die Objekte unserer Begierde, nämlich die Objekte aus der Völkerwanderungs- und Merowinger Zeit, die damals 1945 mit diesen berühmten drei Goldkisten ins Puschkin-Museum gelangt sind. Es war allerdings schon ein Anblick, der einem etwas die Nackenhaare aufstehen ließ, weil es ist ja 60 Jahre einfach verschwunden gewesen, und dann sieht man es plötzlich im Original und kann es auch anfassen, kann es ein bisschen studieren, die Listen abhaken und feststellen, Mensch, das ist ja alles noch da. Es ist nichts kaputt, es ist alles bestens beieinander. Und von daher gesehen war das schon ein echtes Erlebnis. Und dann haben wir noch mitbekommen, dass im historischen Museum ganz wichtige Bestände aus unserem Museum liegen. Die Bestände in St. Petersburg kannten wir schon vorher. Also es war schon so, dass auch ein altgedienter Museumsmann, der eigentlich lieber versucht, cool zu sein da doch durchaus bewegt war und ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen verspürte und naja es kommt immer die Idee auf, es müsste eigentlich doch wieder zurückkommen, aber wie gesagt, das ist Zukunftsmusik.
Kassel: So schön es jetzt ist, dass wenigstens jeder, der diesen Weg nicht scheut, es wird bald sehen können, so sehr sagen doch auch manche Menschen, es ist aber strategisch ein Vorteil für die Russen und ein Nachteil für die Deutschen, weil die Russen jetzt bald werden sagen können, es ist ja zu sehen, wir verstecken es nicht, wir leben in einer globalisierten Welt. Ganz banal gesagt, ein Flug nach Moskau gibt es ab 90 Euro von Berlin aus. Warum muss das Zeug jetzt noch nach Berlin zurückgeschickt werden?
Menghin: Da haben Sie vollkommen recht. Das sind auch die Bedenken, die von politischer Seite genannt worden sind, und es ist auch klar, man kann es wirklich sagen: Gut es ist zu sehen, es ist öffentlich, es ist in den Kreislauf der Wissenschaft zurückgeführt. Es ist egal, wo das liegt. Das mag manch einer so sehen, auch viele Wissenschaftler sehen das so. Aber ich als Museumsdirektor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, als Eigentümer, nicht als Eigentümer, sondern die Stiftung des Preußischen Kulturbesitz wie natürlich ich muss schon darauf achten, dass diese Dinge eines Tages zurückkommen, denn es ist ja nicht nur so, dass diese Objekte einfach in Moskau oder in St. Petersburg liegen, andere Teile liegen ja bei uns hier in Berlin. Es sind zum Teil geschlossene Grabfunde, die also aufgeteilt sind, völlig willkürlich aufgeteilt sind. Ein Trum oder ein Teil, eine Fibel liegt in St. Petersburg und die dazugehörige Fibel in Moskau im Puschkin-Museum, die Perlenkette bei uns, und das ist natürlich unsinnig. Also da muss man einen Weg finden, irgendwann dieses Dilemma aufzulösen, denn die geschlossenen Funde sollten zusammen sein und vor allem die Funde, die aus Mitteleuropa stammen, aus Deutschland stammen, die sollten zumindest wieder zurückkehren, um dann in ihrem Milieu sozusagen, im archäologischen Milieu, gezeigt zu werden, und nicht irgendwo weit entfernt von Deutschland, also in Moskau über tausende Kilometer entfernt in einem Museum gezeigt zu werden, wo eigentlich kein Kontext da ist für diese Objekte, wo die völlig fremd dastehen, und das ist meines Erachtens unsinnig. Aber ich bin sicher, dass da eines Tages was Sinnvolles passieren wird.
Kassel: Nun ist es heute so, das wird auch sicherlich bei dieser Ausstellung so sein, dass Museumsmacher nicht einfach nur einzelne Exponate zeigen wollen, es geht da nicht nur um das glitzernde Gold, sondern es geht wirklich um die Bedeutung dieser Zeit und der Merowinger. Sie haben ganz am Anfang schon eine Andeutung gemacht, da kam es mir so vor, als hätten die damals schon so eine Art funktionierende EU gehabt. Kann man das so sagen?
Menghin: Das kann man schon sagen, vor allem im Reich der Merowinger also im Frankenreich, also man kann sagen West- und Mitteleuropa, da kann man durchaus sagen, dass eigentlich die antiken Traditionen übernommen worden sind von diesen Germanen, von diesen Franken, die das umgesetzt haben, und man kann dann sagen, die Spitze des Geschehens war dann eben die Zeit Karls des Großen, aber das sind Karolinger, wo dann eben die Renovatio Imperii da gewesen ist. Aber diese Renovatio war schon unter Chlodwig, unter dem eigentlichen Reichsgründer der Franken, vorhanden, wo eben auch versucht worden ist, die ganzen Strukturen im antiken Gallien wieder herzurichten, wieder aufzubauen. Es wurden Bistümer wieder eingerichtet, die also verwaist waren, und ähnliches, also die Franken, die Merowinger waren schon sehr wichtig und die Ausstrahlung des Merowinger Reiches ging weit über die Grenzen, also die Ostgrenzen hinaus, also bis nach Südrussland und bis nach Mittelrussland.
Kassel: Also eine Geschichte, die 1500 Jahre und mehr alt ist und bis heute ihre Geheimnisse birgt. Wer keine politischen Bedenken hat, wird den Schatz der Merowinger auch im Kontext mit anderen Exponaten sehen können ab Februar 2007 zuerst in Moskau und dann in St. Petersburg, und vielleicht ja doch irgendwann mal in Deutschland, wenngleich sicherlich vorerst nicht diese Ausstellung. Wilfried Menghin Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, ich danke Ihnen, dass Sie bei uns waren!
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