Die kulturpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen und Vizepräsidentin des Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, hat die Anerkennung der Kulturwirtschaft als eigenständigen Wirtschaftszweig gefordert. Aus ihrer Sicht sei ein gemeinsamer Aktionsplan zwischen Bund und Ländern sinnvoll sowie verstärkte Investitionen im Kulturbereich.
König: Musiker und Filmleute, Rundfunkjournalisten, Künstler, Schriftsteller, Verleger, Designer, Architekten - sie alle gehören zur Kreativwirtschaft. Die Kreativwirtschaft Europas gilt als Wachstumsbranche, Zahlen für 2003 hat eine EU-Studie jetzt vorgelegt: 654 Milliarden Euro wurden von den Kreativen Europas erwirtschaftet, dagegen machte die europäische Automobilindustrie im selben Jahr nur einen Umsatz von 271 Milliarden Euro. Unsere deutschen Kreativen - nun ja, nach absoluten Zahlen liegen sie fast gleichauf mit den Engländern, nach Indikatoren wie Wachstum, Anteil am Bruttoinlandsprodukt, Investitionen in Wissen und Kreativität - daran gemessen liegen wir weit unter dem europäischen Durchschnitt.
Diese in ihrer Bedeutung anzuerkennen, sie zu fördern, sie zu stärken werden morgen die Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen drei Anträge dem Bundestag zur Beschließung vorlegen; nächste Woche wird dann im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in Berlin eine Konferenz stattfinden, die sich mit der Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa beschäftigt - selten hat man soviel geballtes Interesse der Politik an Filmemachern, Schriftstellern, Verlegern, Malern, Theaterleuten, Designern, Architekten, Videospiel-Erfindern erlebt - woher es kommt, fragen wir Katrin Göring-Eckart, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und kulturpolitische Sprecherin von Bündnis90/Die Grünen. Guten Morgen, Frau Göring-Eckardt!
Katrin Göring-Eckardt: Schönen guten Morgen!
König: Woher dieses erstaunlich einmütige Bestreben, den Kreativen jetzt auf die Beine zu helfen?
Göring-Eckardt: Zunächst mal geht es gar nicht so sehr um Auf-die-Beine-Helfen, sondern zunächst mal geht es um Anerkennung dieses Wirtschaftszweiges. Das hat in der Vergangenheit eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Wir haben es gerade in dem Beitrag gehört, da hat man an die großen Plattenfirmen gedacht und an die Galeristen, aber es hat zum Beispiel - und das muss man wirklich beklagen - weder im Bundeswirtschaftsministerium noch beim Kulturstaatsminister tatsächlich Zuständige gegeben geschweige denn ein Querschnittsreferat oder Ähnliches, wohin sich die Kreativen hätten wenden können mit den ganz besonderen Anliegen, die sie haben, zum Teil natürlich auch Problemen. 95 Prozent der Unternehmen innerhalb der Kreativwirtschaft sind ganz kleine Unternehmen, und die haben natürlich auch besondere Interessen, besondere Anliegen.
König: Also ganz kleine Unternehmen, die wenig Geld haben, eine geringe Wertschöpfung, entsprechend werden auch nur selten sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze hervorgebracht. Das ist doch aber nach gängiger Praxis der Maßstab für die Beimessung von Wirtschaftsförderung. Ist hier nicht ein erhebliches Umdenken bei den Wirtschaftsförderern nötig, um auch die Kulturwirtschaft als Querschnittsbranche, wie Sie es eben beschrieben haben, zu etablieren?
Göring-Eckardt: Das auf jeden Fall. Ich glaube, wir haben da beim Thema Kulturwirtschaft bei den Kreativen vielleicht etwas, was sich in anderen Bereichen - man mag das beklagen oder auch nicht beklagen - auch entwickelt. Wir haben unstete Arbeitsbiografien. Da sind Leute mal abhängig beschäftigt in ganz normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, mal sind sie selbstständig, mal sind sie in Kleinstbeschäftigungen tätig, und genau das müssen wir, wenn wir hier mit Förderung agieren wollen, auch mit Beratung, auch mit Vernetzungsmöglichkeiten etc., das müssen wir bedenken und können da nicht nach alten Maßstäben messen. Übrigens auch nicht, was die Frage angeht, was gehört da nun eigentlich dazu.
König: Was gehört denn für Sie dazu? Welche Fördermaßnahmen, welche ersten Schritte zur Verbesserung der Lage wären für Sie sinnvoll?
Göring-Eckardt: Also zunächst mal, wie gesagt, geht es um Anerkennung, da geht es um so was wie Gründerwettbewerbe, da geht es um Wirtschaftsförderungsinstrumentarien, die dann den Erfordernissen des kulturwirtschaftlichen Sektors entsprechen müssen - darüber haben wir gerade gesprochen. Es geht selbstverständlich um Beratungstätigkeit, um so was wie Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, um Qualifikationen. Es geht auch - aus meiner Sicht - um so was wie einen gemeinsamen Aktionsplan zwischen Bund und Ländern. Gerade ist davon gesprochen worden, wie wenig in Deutschland hier in diesen Bereich investiert wird. Ich glaube, da müssen wir besser werden. Wenn wir da Großbritannien erreichen wollen, haben wir noch einiges zu tun.
König: Warum überlassen Sie es eigentlich der CDU/CSU und SPD, den Antrag zu formulieren, die populäre Musik als wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens zu stärken. Wenn ich dran denke, Claudia Roth als Managerin von "Ton Steine Scherben", das hätte die sich doch vor 20 Jahren auch nicht träumen lassen, dass die CDU/CSU mal einen Antrag auf Förderung der Popmusik stellen wird?
Göring-Eckardt: Ja super, die sind jetzt so weit. Ich glaube, das hat sehr lange gedauert, das kann man den beiden Volksparteien auch getrost überlassen ...
König: Sie werten das als Fortschritt.
Göring-Eckardt: Ich werte das absolut als Fortschritt. Wir waren da früher schon so weit, und wenn das jetzt tatsächlich so weit ist, dann kümmern wir uns um die noch neueren und innovativeren Fragen.
König: Verstehe. Städte mit vielfältigen Subkulturen, Städte mit einer ethnisch und kulturell sehr gemischten Bevölkerung, die gelten ja - und sind es in der Regel auch - als besonders kreativ. Wenn man das ernst meint mit dem Fördern von Kreativität, müsste man solche Städte doch eigentlich in besonderer Weise fördern?
Göring-Eckardt: Das heißt nicht, dass man in besonderer Weise Unsicherheit und solche Dinge fördern sollte, aber in der Tat, wir leben das zum Beispiel bei den sogenannten schrumpfenden Regionen, dass dann plötzlich, wenn es ganz wenig gibt, woran man sich festhalten kann, kulturelle Initiativen entstehen, neue Kreativität entsteht, was das Wohnen angeht, was die Beschäftigung mit Kultur angeht, was das Aufarbeiten mit kulturellen Mitteln angeht, das ist aus meiner Sicht sehr spannend und das kann man vielleicht auch in Regionen übertragen, die etwas stetiger sind, denen es noch besser geht und wo man einfach schauen muss, was sich insgesamt in so einem Land auch entwickelt. Auch im Unterschied zwischen Ost und West zum Beispiel, im Unterschied zwischen den Groß- und Kleinstädten. Wir haben heute schon die Situation, dass ganz viel an kultureller Kreativität eben nicht nur in den Großstädten wie Berlin, Hamburg und Köln entsteht, sondern in dem, was man gemeinhin Provinz nennt und was dadurch einen ganz neuen Klang bekommt.
König: Das ist ein absolut spannendes Thema. Mir fiel gestern beim Herumlesen der amerikanische Ökonom Richard Florida - wenn ich so sagen darf - in die Hände. Der hat zwei Bücher über die sogenannte kreative Klasse geschrieben und darin u.a. festgestellt, dass Städte, in denen es keine ausgeprägte Schwulen- und Einwandererkultur gibt, dass diese Städte zu den Verlierern im Rennen um wirtschaftliche Entwicklung gehörten - der "Freitag" hat darüber am 9. Februar auch geschrieben - und dass entsprechend pfiffige Lokalpolitiker sich nun bemühen müssten, gerade für diese Bevölkerungsgruppen attraktive Bedingungen zu schaffen. Da habe ich mir gestern so gedacht, wenn man das alles zu Ende denkt, kommt man auf erhebliche Konflikte zwischen kreativen und - sagen wir mal - konservativen Wertvorstellungen.
Göring-Eckardt: Auf der einen Seite, und auf der anderen Seite dauert es vielleicht nicht so lange wie mit der Popmusik bei den großen Parteien und vielleicht auch gesellschaftlich nicht so lange, dass man sieht, dass die Frage, wie viele unterschiedliche Leute zusammenkommen, eine ganz entscheidende ist für wirtschaftliche Entwicklung, für Kreativität, fast für Entwicklung überhaupt.
Man kann sich das anschauen, nehmen wir nur ein ganz, vielleicht konservatives Beispiel: Dort, wo heute in Kleinstädten Theater überleben, werden diese Theater u.a. auch natürlich Internationalität in so eine Kleinstadt bringen, weil sie Sänger aus dem asiatischen Raum haben, weil sie Musiker aus Osteuropa haben, weil sie Tänzer haben, die aus afrikanischen Ländern kommen etc., und damit ein bisschen Multikulturalität kommt, aber eben auch die anderen, die klassischen Wirtschaftsunternehmen merken, dass da neue Kreativität entsteht und dass man das nicht nur wollen muss, sondern dass das ein Erfolgsfaktor ist. Ich finde das sehr spannend, und man kann es, wie gesagt, auch in einigen Kleinstädten inzwischen sehen, wo Lokalpolitiker auch sagen, ja, wir setzen da drauf.
König: Die Bedeutung der Kulturwirtschaft anerkennen und ihren Stellenwert auf Bundesebene und in Europa nachhaltig fördern - ein Gespräch mit Katrin Göring-Eckardt, kulturpolitische Sprecherin von Bündnis90/Die Grünen und Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestags. Frau Göring-Eckardt, vielen Dank für das Gespräch.
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