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21.12.2009
Bei Anruf: Licht. (Bild: Deutschlandradio - Annina Müller) Bei Anruf: Licht. (Bild: Deutschlandradio - Annina Müller)

Die Erleuchtung

Dörentrup in NRW schaltet Laternen per Handy an

Von Christoph Gehring

Zwischen Weser und Teutoburger Wald, da ging eines Tages einem Dörentruper ein Licht auf. Es war ihm zu finster nach 21 Uhr in dem Ort, wo es doch viel zu sehen gibt. Also dachte er sich: Das Handy ist nicht nur zum Telefonieren da.

Martin Stankowski: "Das war das Bedürfnis immer schon der Menschen, wahrscheinlich schon beim Neandertaler in seiner Höhle da bei Düsseldorf: Wann wird es hier denn mal endlich hell?"

Es werde Licht! Wo der Neandertaler noch im Dämmrigen saß, glitzert heute die Metropole Düsseldorf mit ihren Banktempeln, den diamantbehangenen Damen und - den Straßenlaternen. Düsseldorf ist doll. Vor allem doll hell.

Dörentrup im Lipperland ist ziemlich weit weg von Düsseldorf. Das ist nicht nur räumlich gemeint. Dörentrup - Luftlinie nach Düsseldorf 200 Kilometer - hat 8.386 Einwohner, eine ganz gerade Hauptstraße, eine gut ausgeschilderte Kläranlage, die Dörentruper Sand- und Tonfabrik, den leerstehenden Gasthof "Zur Erholung" und einen ebenfalls gut ausgeschilderten Schrottplatz. Trotzdem ist Dörentrup sehr idyllisch. Vor allem aber ist Dörentrup sehr still. Und bei Nacht sieht Dörentrup so aus:

Stille.

Wie Sie hören, sehen Sie nichts in Dörentrup bei Nacht. Denn nachts ist es in Dörentrup - dunkel. Also: richtig dunkel.

Martin Stankowski: "Unter Anthropologen gibt es die These, dass die drei größten Entwicklungsschübe in der Evolution des Menschen sind heizen, kochen und leuchten."

Natürlich können sie in Dörentrup heizen, kochen und leuchten. Sie wollen es nur nicht. Jedenfalls nicht dauernd. Dörentrup verdunkelt sich bei Nacht, die Straßenlaternen gehen abends um neun aus. Bürgermeister Friedrich Ehlert findet das gut:

"Wir machen das aus Kostengesichtspunkten, wir wollen aber auch etwas für die Umwelt tun, wir wollen das Klima schonen. Die Ressourcen sind endlich, und auch die Gemeinde sollte sich da so verhalten wie jeder Privatmann."

Dieter Grote: "Wir knüpfen im Prinzip nur da an, an dem Verhalten der Bürger, wie die sich zu Hause verhalten. Wenn die nach Hause kommen, schalten sie das Licht im Flur oder in der Diele ein, und wenn man dann weitergeht ins Wohnzimmer, schaltet man's im Flur wieder aus. Also: bedarfsgerecht. Ich lasse das ja nicht die ganze Nacht brennen, weil's so praktisch ist."

Das war Dieter Grote. Ein Dörentruper. Nein: DER Dörentruper. Der Dörentruper, dem Dörentrup die Erleuchtung verdankt. Licht an, also: Straßenlaternenlicht an per Telefon.

Weil die Moderne Englisch spricht und weil die Moderne Dörentrup überrollt hat, heißt Licht an per Telefon in Dörentrup "Dial 4 Light" - wähle für Licht. Unter der Nummer 0621/82 039 239 können die Dörentruper nach neun nachts die Straßenlaternen wieder einschalten, damit niemand vom Weg aus der Dorfkneipe nach Hause im Dunklen steht. Vielmehr: geht. Und das geht so: Handy raus …

… Nummer wählen, aufs Sprachdialogsystem warten …

… den Code für den Heimweg eingeben - Licht an. Und Dieter Grote hatte die Idee. Also eigentlich hatte Dieter Grotes Frau die Idee:

"Sie hat sich darüber beschwert, dass das Licht so früh ausgeschaltet wird in unserer Gemeinde. Das wurde früher um 23 Uhr ausgeschaltet. Dann hat sie mich gebeten, doch den Bürgermeister mal anzurufen und ihn zu bitten, das Licht länger eingeschaltet zu lassen. Das habe ich auch gemacht, aber der Bürgermeister hat natürlich gesagt: Ja, lieber Herr Grote, die Gemeindekasse ist leer - wir können das Licht nicht länger eingeschaltet lassen. Und dann haben wir ein bisschen überlegt und ein paar Ideen geschmiedet, und dann kamen wir hier zu den Stadtwerken zu einer Veranstaltung. Ich hab' diese Idee vorgestellt, 'Licht on demand', Licht auf Anforderung für den Bürger. Und die Idee ist, ich sag' das immer wieder, innerhalb von einer Sekunde von dem Geschäftsführer hier aufgenommen worden. Der hat gesagt: Tolle Idee, das machen wir!"

Die Stadtwerke, das sind die Stadtwerke in Lemgo, was auch keine Metropole ist, aber nur sechs Kilometer von Dörentrup weg. Die Lemgoer Stadtwerke tragen den Nerz innen. Die Verwaltungszentrale würde anderswo - sagen wir mal: in Düsseldorf - als Vereinsheim des zweitbesten Golfclubs der Stadt durchgehen und die Menschen, die in dieser als Vereinsheim getarnten Zentrale arbeiten, sehen aus, als würden sie sich alle duzen.

Zumindest duzen sich die drei männlichen Menschen, deren Gesichter die Gesichter von "Dial 4 Light" sind: Dieter Grote, den wir schon kennen, früher Marketingmensch bei einer Lampenfabrik und heute Marketingberater, Bernd Klemme, der Verkaufsdirektor von "Dial 4 Light", und Frank Bräuer, der Projektleiter. Die drei brennen darauf, das Laternenanschalten per Telefon zu erklären und natürlich das Laterneneinschalten per Telefon in die ganze Welt zu exportieren. Denn die Welt wartet darauf. Warum sonst sollte die Welt nach Lemgo kommen?

Bernd Klemme: "Also die Japaner hatten wir noch nicht, aber wir hatten die Neuseeländer gehabt, und im Endeffekt ist es wirklich so: Von A wie Azoren bis Z, Englisch geschrieben jetzt, Neuseeland, ist es so, dass wir selbst total überrascht waren. Wir haben ja wirklich nichts in Marketing investiert, sondern es ist allein über die Medien entstanden, über Zeitungen, dann Radio, dann Fernsehsender, wir haben mittlerweile alle zwei, drei Tage Fernsehteams bei uns im Haus, da sind die Leute aus der ganzen Welt auf uns zugekommen. Wobei wir auch sagen müssen, im Moment müssen wir da ein bisschen die Spreu vom Weizen trennen, weil wir einfach sehr viele Leute auch haben, die uns so'n bisschen die Zeit stehlen da."

Die Zeit stehlen? Das wollen wir nicht. Wir wollen stattdessen feststellen, dass die Straßenbeleuchtungsinnovatoren von Lemgo, also: Dörentrup in einer langen Tradition stehen, in der jahrhundertealten Tradition des öffentlichen Lichts. Von der Funzel bis zum Flutlichtscheinwerfer. Macht sich nur selten jemand Gedanken drüber, über die Geschichte des öffentlichen Lichts.

Dazu braucht es dann jemanden, den man in Lemgo - also: Dörentrup - nicht findet, sondern in Köln. In Köln wohnt Dr. Martin Stankowski. Ein fröhlicher, schwerer, universalgebildeter Mann. Der Dr. Stankowski ist so universalgebildet, dass vermutlich die Brockhaus-Redaktion bei ihm anruft, wenn sie nicht mehr weiterweiß:

"Wir kennen Beleuchtung in den frühen Jahrhunderten, eigentlich seit den Römern, in den großen kirchlichen Festen, im Mittelalter, sehr stark im Barock als Festtags-, Feierlichkeits- und Festbeleuchtung. Es gab rauschende Feste mit sehr viel Licht bei seltenen Anlässen. Deswegen auch auf der anderen Seite das Weihnachtsfest und andere, die die Wiederkehr des Lichtes gefeiert haben. Versuche, zunächst mal öffentliche Plätze, dann Gebäude, dann Straßen zu beleuchten, kennen wir seit der Barockzeit. Es gibt zum Beispiel vom Großen Kurfürsten, also dem Preußischen Kurfürsten sehr früh schon einen Erlass, jedes dritte Haus solle gefälligst ins Fenster so ein Licht stellen. Das waren ganz früher Kerzenlichter, Wachs war das Brennmaterial. Auch Öle und Fette und ähnliches, aber im Wesentlichen eben Wachs. Aber das hat nicht richtig funktioniert.

Und das fängt dann an, wie vieles in der technologischen Entwicklung, in England im 18. Jahrhundert. Die Engländer waren die Ersten, die eine halbwegs systematische Straßenbeleuchtung auf Gasbasis eingeführt haben, am Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts. Und das Interesse daran, wenn man die Auseinandersetzung sieht, hatte vor allen Dingen immer die Polizei. Die Frage der Straßenbeleuchtung und des Lichtes außerhalb der Häuser ist zunächst in Polizeiverordnungen geregelt."


Was sagt eigentlich die Dörentruper Kriminalstatistik dazu, dass es in Dörentrup nachts dunkel ist, solange niemand das Licht anschaltet, vielmehr: anwählt? Der Dörentruper Bürger Dieter Grote ist da völlig entspannt.

Dieter Grote: "Die Kriminalitätsrate steigt nachweislich nicht, sondern sie sinkt eher. Das ist nicht verwunderlich, denn auch Diebe brauchen Licht, und mit Taschenlampenbeleuchtung fallen sie natürlich mehr auf. Das ist nachweislich, das ist nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern das ist nachweislich belegt."

Frank Bräuer: "Es gibt keine Statistik, die aussagekräftig dazu ist, ja? Und im Gegenteil, wir schreiben uns das ja auf die Fahnen und sagen: Wir sorgen mit 'Dial 4 Light' für die entsprechende Sicherheit."

Man müsste das mal diskutieren.

Martin Stankowski: "Die allerersten Diskussionen um die Straßenbeleuchtung gibt es in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Und da gibt's dann interessante Positionen, etwa in der damaligen, konservativen, kirchennahen Presse: Man dürfe überhaupt nicht mal das Thema Straßenbeleuchtung diskutieren, weil es sei, wörtlich hieß es damals 'ein Eingriff in das Heilsgeschehen Gottes'. Wenn der Herr, wie's in der Genesis heißt im Alten Testament, Tag und Nacht unterschieden habe, so heißt es ja, dann habe das gefälligst auch auf ewige Zeiten so zu bleiben, da kann der Mensch nicht kommen und die Nacht zum Tag machen.

Diese Auseinandersetzung gibt es, die geht auch relativ lange, obwohl man andererseits sagen muss: Das ist etwas absurd, weil die Kirche selber ja eine der großen Illuminatoren war. Gottesdienste, Festveranstaltungen wurden ja von Licht überstrahlt. Wir haben das Ewige Licht, das ist eine Metapher, das ist aber auch ein konkretes Licht, das am Altar brennt - bis heute. Gut, es ist nicht sehr hell, aber es ist immerhin Licht. Oder: Zu den Zehntenabgaben an die Kirche hat immer Wachs gehört, und zwar für Kirchenbeleuchtung. Wachs war ein wesentliches Moment, was die Bauern den Klöstern, der Kirche gegenüber abzugeben hatten neben Lebensmitteln."


Überhaupt: Die Religion und das Licht - so richtig dicke Freunde waren die nicht. Denn das Licht, das künstliche, das alles und alle erhellende, das quasi demokratische, das hatte immer was mit Aufklärung zu tun. Aber wer aufgeklärt ist, von außen nach innen, der kommt womöglich auf ganz revolutionäre Ideen.

Martin Stankowski: "Ganz pathetisch gesagt: Es ist ein Knacks im Bild von Göttern, dem Himmel und überirdischen Mächten. Weil er wird selber Herr über das Geschehen, was Licht und Dunkelheit angeht, was ihn ja vorher völlig abhängig, quasi blind gemacht hat - nicht im metaphorischen, sondern im ganz konkreten Sinne. Was ihn abhängig gemacht hat, unsicher gemacht hat, hat Angst erzeugt. Und wenn Angst die Basis von Religion ist, jedenfalls eine Basis, dann ist die Überwindung von Angst natürlich auch die Gefährdung von Religion. Also das ist eine ganz wichtige Geschichte.

Das Zweite ist: Es hat ihn sicherer gemacht, und auf die Dauer hat es ihn auch selber mächtiger gemacht. Und deswegen ist die Geschichte der Beleuchtung auch immer eine soziale, eine Klassengeschichte. Also: Helles Licht haben sich früher nur Reiche leisten können. 1.-Mai-Plakate zum Beispiel: Man könnte sich die ganze Geschichte der Plakate zum 1. Mai nur unter dem ikonografischen Aspekt betrachten, wie viele Sonnen erscheinen da? Nicht weil es warm sein sollte, sondern weil es Helligkeit war.

Einer der großen, später sehr bedeutsamen Führer der Linken in Deutschland, Robert Blum nämlich, der in Köln geboren ist, armer Leute Kind, der ist hier auf ein edles Gymnasium gegangen mit so einer Art Stipendium, aber nur zwei, drei Jahre, und wurde dann als Lehrling bei einem Rübe…, Robe…, Rube… - Rübenölproduzenten oder -händler eingestellt und hat seine - das war so 1820 etwa oder 1825, also in der Zeit, als die Preußen hier im Rheinland das Sagen hatten - eine Abhandlung geschrieben über die künstliche Straßenbeleuchtung."


Irgendwie gehören auch die Straßenbeleuchtungsrevolutionäre von Lemgo, also: Dörentrup zu einer neuen Befreiungsbewegung - die Bewegung, die von starren Licht- und Dunkelzeiten befreit, die die Straßenlaternen demokratisiert. Und die von Lichtverschmutzung befreit. Denn Licht ist Dreck.

Martin Stankowski: "Wenn man sich überlegt, dass 15 Watt als elektrische Beleuchtung Ende des 19. Jahrhunderts am Arbeitsplatz als extrem hell galten, da würden wir heute einen Lachanfall kriegen. Und da gibt es übrigens eine interessante Parallele zur Frage des Lärms: Das, was früher Freiheit bedeutet hat, nämlich sich sozusagen lauthals ausbreiten zu können, das wird heute als Schädigung empfunden. Wir werden beim Licht eine ähnliche Diskussion haben wie beim Lärm, also man wird diese negativen Begleiterscheinungen immer mit reflektieren und da wird's Änderungen geben.

Ich war in diesem Jahr in Namibia, also in der Namib, und kann nur staunend immer wieder davon berichten, welches Vergnügen, auch sinnliches Vergnügen es ist, nachts in so einer Wüste auf dem Rücken zu liegen und dann von keinem einfallenden Licht gestört dieses Firmament anzusehen. Das ist einfach Wahnsinn. Wunderbar, im klassischen Sinne: Wenn wir von "wunderbar" reden, assoziieren wir ja was Außergewöhnliches, was wir uns nicht erklären können, was wir sonst nicht sehen können."


"Dial 4 Light" hat deswegen den "Outdoor Lighting Award", also den Außenbeleuchtungspreis der International Dark Sky Association gewonnen. Weil das Dörentruper Licht, das nur brennt, wenn man's braucht, den Blick aufs Firmament möglich macht. Jedenfalls im Lipperland. Aber dabei wird es nicht bleiben, sagen die Lichtschalter von Lemgo, also: Dörentrup. "Dial 4 Light" soll erst Deutschland und dann den Rest der Welt erleuchten. Oder eben verdunkeln. Wie man's mag.

Frank Bräuer: "Da gibt es derzeit überhaupt keine Probleme, weil das System von vornherein so aufgebaut wurde, dass wir damit im Grunde genommen national das ganze System abdecken können. Das heißt, es können da weltweit - oder national erstmal, wir bleiben erstmal klein - national also alle Städte angeschlossen werden und dennoch auf einem Server das Ganze so abgelegt wird, dass eben das Licht immer geschaltet werden kann und der Bürger nicht auf das Problem stößt, dass das System den Anruf in dem Moment ablehnt. Auch in einer Großstadt wie Berlin, Köln, Hamburg gibt es viele, viele Strecken, hunderte von Strecken, die per 'Dial 4 Light' geschaltet werden können. Wo die Kommunen viel für die Umwelt tun können - und für ihr Portemonnaie."

Denn für Berlin oder auch Sydney und Los Angeles kann nicht falsch sein, was für Lemgo, also: Dörentrup, richtig ist, was allein in Dörentrup ein Drittel des öffentlichen Stromverbrauchs und 35 Tonnen CO2 im Jahr spart und der Frau des Dörentruper Licht-aus-Erfinders Dieter Grote bis heute das Lächeln aufs Gesicht zaubert, das man nur bei Menschen sieht, die wissen, das Richtige getan zu haben:

Dieter Grote: "Sie kam vorgestern abends von einer Veranstaltung und sie war auf dem Weg nach Hause - zu Fuß, wie sich das gehört als umweltbewusster Bürger - und da ging auf dem halben Weg das Licht aus, denn die Uhrzeit war erreicht. Und dann hat sie das Licht wieder angeschaltet und kam natürlich auch ganz freudestrahlend nach Hause und sagte: 'Siehst du, das war die richtige Idee, ich kann mir das Licht so einschalten, wie ich es brauche, stürze nicht und fühle mich auch sicher auf dem Weg nach Hause.'"

Und so machen auch wir uns auf den Weg nach Hause. Durch das Dunkel von Dörentrup. Über uns leuchten die Sterne am Firmament, unter uns liegt der Gemeindeweg. Und voraus …

Boing!

… voraus stand eine Laterne.


 
 

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