Gedenkroutine als Beruf: Ein Mann verdient mit der nationalen Bußpflicht sein Geld im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung. "Ohne die Konzentrationslager wären wir alle arbeitslos", meint die Hauptfigur von Iris Hanikas Roman.
Auch dieser Roman kommt ohne einen Helden aus; Helden passen nicht mehr in die Zeit. Hans Frambach, von dessen banalem Alltag Iris Hanika in ihrem neuen Roman berichtet, ist eine Durchschnittsexistenz; eine typisch deutsche allerdings, und das macht die Lektüre lohnend. Von seiner Freundin Graziela, mit der ihn eine nicht einmal platonische Liebe verbindet, hat Hans gelernt, sich in der U-Bahn unwohl zu fühlen, weil er sich als geschichtsbewusster Deutscher in überfüllten Waggons, ja woran? Natürlich an Auschwitz erinnert fühlt. Schließlich ist Frambach Angestellter im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung. Das verpflichtet ihn zu einer Gedenkroutine, die er einerseits als ehrenvoll, auf der anderen Seite aber auch als lästig, verlogen und widerlich empfindet.
Das Bewusstsein, einer nationalen Bußpflicht zu genügen, stürzt ihn ins Dilemma. Er spürt, dass die Beschäftigung, der er nachgeht, machtlos ist gegen das Vergehen und Vergessen von Eigenschaften, die er um jeden Preis bewahren will:
Schrecklich war jetzt, dass es kaum noch wehtat. Das war das eigentlich Schreckliche und mehr noch: für ihn war dies das Eigentliche. Dass dieses Verbrechen, so groß es war, hatte aufhören können wehzutun. Dass das möglich war. Dass so etwas überhaupt möglich ist, das - das war schrecklich. Und vergrößerte sein Unglück.
Das Lallen, die Unfähigkeit zum klaren und bestimmten Wort, die ewige Wiederholung des immer Gleichen ist gewollt. Sie ist Ausdruck der inneren Leere, die da aufkommen muss, wo das Außergewöhnliche gewöhnlich wird.
Der Widerspruch, in den ihn die Nachlassverwaltung von so viel Unheil zwangsläufig verwickelt, macht Hans Frambach zu schaffen; allerdings nicht so sehr, dass er darüber vergäße, die Vorteile, die seine Stellung mit sich bringt, zu nutzen. Das Shoah-Business, dem er dient, nährt seine Leute; ohne die Konzentrationslager, sagt er selbst, wären wir alle arbeitslos. Er kommt sich denn auch wie ein KZ-Wächter vor, mit neuem Auftrag allerdings und zu besseren Konditionen. Deswegen achtet er darauf, für Dienstreisen die Business-Klasse zu buchen, und besteht auf der Übernachtung in einem Fünf-Sterne-Hotel. Soll er denn selbst an jener Wunde leiden, die er für alle anderen offenhält?
Die Statistik des Massenmords als Alltagsbeschäftigung: Geht das? Für eine empfindliche Natur wie Hans Frambach offenbar nicht. Bei dem Versuch, die Erinnerung an seinen Besuch in Auschwitz mit dem Bedürfnis, Tee zu trinken, unter einen Hut zu bringen, verwirren sich ihm die Gedankenfäden in einer Weise, die Mitleid verdiente, wenn sie nicht so komisch wäre:
Vielleicht hat es da angefangen, dachte er, während er die Kannen für den Tee wärmte, nachdem ihm wieder eingefallen war, wie er das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau zuletzt verlassen hatte, heißes Wasser erst in die eine, dann in die andere Kanne goss, das ist doch die Antwort, Teeblätter in die eine Kanne gab, ich hätte nur meinem Körper trauen müssen, kurz noch wartete, der wusste besser als ich, bis das Wasser leise geworden war, wie es hätte weitergehen sollen, weil es kochte, ich hätte gar nicht erst zurückfahren sollen, es schnell auf die Teeblätter goss, ich hätte dortbleiben, nein, im Gegenteil, und eine Untertasse oben auf den weiten Kannenschlund legte, ich hätte weitergehen sollen, damit der Tee beim Ziehen nicht zu sehr abkühlte (…).
Für was hat Auschwitz nicht schon herhalten müssen: als Gründungslegende der Bundesrepublik Deutschland; als Hindernis für die Wiedervereinigung; als Grund, auf dem Balkan Krieg zu führen, als Legitimationsbasis für den Anspruch, aus der Geschichte gelernt zu haben und zu den guten Deutschen zu gehören: warum dann nicht auch als Intermezzo beim Tee aufgießen? Auch wenn sich Frambach heftig dagegen wehrt: Auschwitz ist banal geworden. Es kann als Grund und Gegengrund für alles mögliche dienen, und dabei geht das Eigentliche, um das es ihm zu tun ist, verloren:
Oh, herrlicher Stoff für Hollywood! Das unfassbar Böse und das absolut Gute so sauber und undiskutierbar voneinander geschieden, dass es eine Freude ist. Es ist sonnenklar, wer hier zu hassen und mit wem zu weinen ist. Und zu allem Überfluss gibt es noch die Garantie, dass diese Geschichte abgeschlossen ist. In Hollywood lagert sie jetzt im selben Regal wie die Römerzeit. (…) Juden und Nazis sind andere Wörter für "die Guten" und "die Bösen" geworden, und "die Deutschen" in diesen Filmen sind nicht wir. Wir, die wir uns diese Filme zusammen mit dem Rest der Welt anschauen, sind ganz andere und haben es - zusammen mit dem Rest der Welt - schon längst hinter uns gelassen.
Es ist vorbei.
Das stimmt nicht. Vorbei ist es nur als tatsächliches, erlebtes und erlittenes Geschehen. Als abstrakte Instanz, auf die sich jeder berufen kann, der sich selbst groß und alle anderen möglichst klein aussehen lassen will, steht Auschwitz nach wie vor in voller Blüte. Es gibt zu viele Interessenten, die den Alarmruf: Wehret den Zuständen! dazu nutzen, moralisch, politisch oder finanziell ins Geschäft zu kommen. Die ständige Vergegenwärtigung von Mord und Totschlag als "wirklich geschehene Dinge" ist, wie Graziela ihren Freund belehrt, nicht auszuhalten; weshalb Vergessen und Vergeben auch keine Anzeichen für Indolenz sind, sondern Voraussetzungen für eine humane Zukunft. Graziela ist klüger als Hans Frambach. Und Iris Hanika versteht von den Gründen und Abgründen der deutschen Erinnerungsindustrie viel mehr als mancher Zeithistoriker.
Iris Hanika: "Das Eigentliche", Literaturverlag Droschl, Graz 2010
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