Bei Büchern, die Allah im Titel tragen, handelt es sich oft nur um theoretische Ausführungen. Wolfram Eberhardt hat einen interessanteren Weg gewählt. Er bereiste Ägypten, den Gazastreifen, Jordanien, Syrien und den Libanon. Dabei sprach er unter anderem mit Theologen, Politikern, Intellektuellen, Studenten und dem viel zitierten Mann von der Straße.
Sprechen wir es gleich offen an: Bücher, die Allah oder Islam in Verbindung mit den abgenutzten Reizwörtern Fanatismus, Glaube oder Terrorismus im Titel tragen, füllen ganze Regalreihen. Oft handelt es sich um theoretische Ausführungen, die aus sicherer Distanz warnen, dass man doch nicht künstlich einen Konflikt der Kulturen herbeireden solle. Oder um beinahe hysterische Pamphlete, deren Autoren auch Europa schon fest unter der Fuchtel militanter Islamisten glauben.
Wolfram Eberhardt, Nahostkorrespondent des Magazins "Focus", hat einen interessanteren Weg gewählt. Er bereiste Ägypten, den Gazastreifen, Jordanien, Syrien und den Libanon. Er sprach mit Theologen der berühmten Kairo-Al-Azhar-Universität, Politikern der palästinensischen Hamas, Aktivisten der libanesischen Hisbollah, mit jordanischen Intellektuellen, syrischen Studenten und dem viel zitierten Mann von der Straße.
Ein großer Stilist ist er nicht. So manch eine missglückte Metapher hätte ihm ein sorgfältiger Lektor besser streichen sollen. Fachleute wie Laien dürften von seinem Buch profitieren, weil er ein Reporter im besten Sinne ist. Einer, der den Leser in eine Welt führt, die den meisten trotz der Prominenz des Nahen Ostens in den Medien gänzlich fremd ist.
Eberhardt verfügt über eine profunde Kenntnis der Religion, Kultur und Sprache. Dennoch scheut er sich nicht seinen Gesprächspartnern, darunter Ismael Hanija, Premier der frei gewählten Hamas-Regierung im Gazastreifen, immer wieder eine beinahe unbedarft wirkende Frage zu stellen. Wäre es möglich, sich mit der Existenz Israels abzufinden?
"Als ich Hanija nach seiner Wahl in seinem Amtssitz in Gaza-Stadt interviewte, traf ich auf einen Mann, der sich, sobald die Frage nach der Anerkennung Israels nur am Horizont auftauchte, in labyrinthischen Wortspielen erging. Eine klare Antwort bekam ich zu diesem Thema nie. Hanija, der in seinem maßgeschneiderten Anzug wie ein südländischer Europäer wirkte, lehnte sich zurück, wurde einsilbig, konterte mit Gegenfragen oder wechselte einfach das Thema."
Dass Islamisten die Existenz des jüdischen Staates ablehnen, selbst wenn sie es nicht offen aussprechen, ist wirklich kein Geheimnis. Doch in den vielen Gesprächen, die Eberhard führt, wird eines deutlich: Die Welt des Nahen Ostens teilt sich nicht in eine kleine Gruppe von Radikalen und viele Moderate die sich mit dem jüdischen Staat schon abfinden könnten, wenn er endlich die besetzten Gebiete räumen würde.
Vielmehr teilt sie sich in Aktivisten, die Israel beseitigen wollen und jene, die diesen Kampf nur passiv befürworten, oder darauf hoffen, da Allahs Gerechtigkeit und Güte den zionistischen Feind eines Tages einfach verschwinden ließe. Doch worum geht es wirklich? Betrachten wir das Beispiel des jungen libanesischen Hisbollah-Aktivisten Ta Err der sich als Widerstandskämpfer sieht, ob gleich sich Israel im Juli 2000 aus dem Süden seines Landes zurückgezogen hat.
"Was verteidigt Ta Err denn eigentlich? Den Islam. Er kämpft für die Umma, die Gemeinschaft der Muslime und im Besonderen für die unterdrückten Palästinenser. Er ist wahrhaftig davon überzeugt, dass die Juden nur in den Nahen Osten kamen, um unter der Al Akzar-Moschee in Jerusalem nach dem Ring des Salomon zu graben, der der Sage nach göttliche Kraft besitzen soll. Sein Verhältnis zu den Juden ist vom siebten Jahrhundert und dem islamischen Recht geprägt. Sie bleiben für ihn bestenfalls Schutzbefohlene, die ein Recht zu leben und sogar auf eine eigene Gerichtsbarkeit haben, aber nirgendwo steht etwas von einem eigenen Staat."
Eberhard vergisst keineswegs, dass die Besatzungspolitik Israels oder der Krieg im Irak das Gefühl vieler Muslime verstärken, hier werde ein Kreuzzug gegen ihre Religion geführt. Es geht ihm nicht darum, seinen Gesprächspartnern hanebüchene Vorurteile rauszulocken, um sie dann, pauschal als ewig Rückständig vorzuführen. Allerdings verzichtet er auch auf jegliche positive Zensur und führt uns den Nahen Osten ungeschönt vor. Ermutigend ist das nicht.
Ganz gleich, ob in Ägypten, Syrien, Jordanien, Palästina oder dem Libanon - wir betrachten Gesellschaften, die es aufgegeben haben, sich mit den Problemen der Gegenwart wie hohe Arbeitslosigkeit oder miserable Schulsysteme zu beschäftigen. Die Inspiration, Heil und Handlungsanleitungen für ihr tägliches Leben aus der goldenen Zeit des Islam beziehen. Einer Welt, die bereits vor über 1000 Jahren unterging. Die ihre Hoffnung auf eine unbestimmte Zukunft richten, in der ewige Gerechtigkeit anbrechen würde, wenn man nur inbrünstig genug glaube. Und wir betrachten desillusioniert das Scheitern des modernen säkularen Nationalstaats im Nahen Osten. Zu viele scheinen sich eine Rückkehr zu Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, zu wünschen, in der göttliches Recht zählt, nicht weltliches. Und in der für Minderheiten höchstens als Schutzbefohlene Platz ist.
Wie sollen wir mit unseren problematischen Nachbarn umgehen? Links liegen lassen und aufgeben? Weiterhin den Kontakt mit den so einflussreichen radikalen Gruppierungen verweigern? Das aber, so Eberhardt, sei wohl kaum möglich, denn ihre Anzahl sei viel zu groß. Viel mehr ginge es um einen Dialog, in dem der Westen wesentlich selbstbewusster auftreten müsse.
"Natürlich kann der kontroverse Dialog nur gelingen, wenn wir auch bereit sind, unsere Werte zu verteidigen. Die Islamisten des Nahen Ostens wissen nichts von den positiven Leistungen einer Demokratie. Sie kennen aus den Medien nur unsere Selbstkritik und gehen von der Wertelosigkeit des Westens aus."
Leicht wird diese Auseinandersetzung gewiss nicht. Denn zunächst müssen sich wohl viele Westler noch einmal versichern, dass die großartige Erkenntnis der Aufklärung noch immer gilt: Ein vielleicht Fehlerhaftes, weil von Menschen gemachtes Gesetz ist immer noch gerechter als jedes Gesetz Gottes. Schließlich bietet es den größten Vorteil - es ist korrigierbar.
Wolfram Eberhardt: Im Auftrag Allahs. Gläubige, Fanatiker, Terroristen
Molden Verlag, Wien
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