Kaum noch ein Produkt, das es nicht auch in einer Bio-Version gäbe. Die nicht enden wollende Flut spottbilliger Bioprodukte weckt bei vielen Verbrauchern Skepsis. Woher kommt die ganze Bioware?
Der Boom des Biomarktes, das ist ein modernes Märchen. Unsere ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin Frau Künast hat das per Ordre de Mufti dem Lebensmittelhandel aufs Auge gedrückt: Sie forderte 10 bis 20 Prozent des Angebotes in Bio-Qualität. Und die Handelskonzerne spurten - wenn auch zähneknirschend. Mit Geldgeschenken für den Bio-Landbau sollten störrische Bauern zur Umkehr bewegt werden. Der Erfolg gibt Frau Künast recht: Auch wenn die meisten Landwirte in Deutschland trotz finanzieller Verlockungen nicht für Bio zu begeistern sind, - die Regale sind voll.
Woher kommt der Warenstrom - noch dazu zu Preisen, die sich von konventioneller Ware manchmal nicht mehr unterscheiden? Des ist schon komisch, schließlich macht Bio mehr Arbeit. Wer auf Herbizide verzichtet, muss wieder wie früher Unkraut jäten. Hinzu kommt, dass unsere Biobauern im Schnitt pro Hektar wesentlich weniger ernten als ihre konventionellen Kollegen. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.
Die aktuelle Ausgabe von "Ökologie und Landbau" klärt auf. Ich zitiere aus dem Sprachrohr der Bioszene: "Viele Konsumenten erwarten immer noch, dass Bioprodukte von idealtypischen regionalen Kleinbauern stammen. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus." Das hat natürlich Vorteile: Die "Vergrößerung der Betriebe ist aus ökonomischer Sicht grundsätzlich vorteilhaft". Denn die führe zu einer "besseren Auslastung", sie erlaube den "Einsatz größerer und modernerer Maschinen und Verfahren". Vor allem lassen "große Strukturen" auf mehr Ökologie hoffen. Ich zitiere wieder: "Neue und größere Technologien sind in Landwirtschaft und Verarbeitung oft mit Einsparungen von Energie und Wasser verbunden." Auch beim Transport haben große Mengen ökologische Vorteile. Wer sagt's denn?
Es stimmt schon, ein moderner, großer Mähdrescher arbeitet effektiver als ein paar alte Traktoren mit Mähbalken. Das senkt die Kosten. Wobei der Verzicht auf menschliche Arbeitskraft sicherlich den größeren Effekt haben dürfte. Also verlagert man die Produktion in Billiglohnländer, dorthin wo man noch so wie früher Schädlinge und Unkräuter per Hand entfernt. Wer die Arbeit macht, kann man sich unschwer vorstellen. Die Bioszene erkennt darin klare Vorteile. Ich zitiere: dadurch "können Verbraucher ökologische Lebensmittel preiswerter einkaufen". Frau Künast - ich gratuliere!
Wer's bisher nicht wusste: Big is beautiful: Der womöglich größte Bio-Hof verfügt über 6,5 Millionen Hektar Fläche und ist damit anderthalb mal so groß wie die Schweiz. Ich habe das nicht erfunden, das steht ebenfalls in dieser Öko-Prawda. Als Bio-Produzenten arbeiten auf diesem Öko-Betrieb im australischen Outback 300.000 Rindviecher. Sie haben richtig gehört. Und wie kontrolliert man die? Ganz einfach: Die Zertifizierung wird "per Flugzeug und Helikopter durchgeführt". Dadurch behält man den Überblick. Selbstverständlich handelt es sich - so die Bioexperten - um eine "absolut tiergerechte Rinderhaltung". Denn die hängt, und auch das ist richtig, nicht von der Größe, sondern der Art der Haltung ab. Willkommen im Club!
Im Grunde wäre damit alles in Butter, ach was, in Ökobutter natürlich, aus regionaler Erzeugung mit handgemaltem Etikett. Das Einzige, was jetzt noch fehlt, ist ein überzeugender Werbeslogan. Wie wär's statt mit lila Kühen - diesmal mit grünen Ochsen? Unsere Ökos sind da cooler. Sie schufen das Schlagwort von der "Direktvermarktung auf Distanz". Per Flugzeug besehene Produkte direkt in aller Welt aufkaufen, zentral direktverarbeiten und dann direkt in die Regale der Supermärkte liefern. Nicht umsonst lautet heute die zentrale Frage der Branche: "Wird Bio konventionell?" Aber das können Sie als Kunde auch ohne Ökosiegel haben. Mahlzeit!
Literatur:
Groier M: Strukturwandel: Wird Bio konventionell? Ökologie & Landbau 2010; Heft 1: S.15-18
Schermer M: Direktvermarktung auf Distanz: Regionalität im Supermarkt. Ökologie & Landbau 2010; Heft 1: S.19-21
Meili E: Standpunkt: 100 oder 500 Kühe? Größer ist nicht immer besser! Ökologie & Landbau 2010; Heft 1: S.24-25
Janssen M et al: Effizient, kostengünstig und gewollt: Große Einheiten im Biosektor auf dem Vormarsch. Ökologie & Landbau 2010; Heft 1: S.26-28
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