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06.01.2008

Das Joghurtwunder

Milchprodukt soll gegen Durchfall helfen

Nach Medienberichten gibt es eine neue und vor allem unabhängige Studie aus London, die gezeigt haben soll, dass sich mit probiotischem Joghurt Antibiotika bedingte Durchfälle vermeiden lassen.

Um was geht's? Probiotisch heißt, dass der Hersteller dem Joghurt neben den normalen Joghurtkulturen, die alle Joghurts enthalten noch einen Extra-Keim zugesetzt hat, von dem er glaubt, dass sich damit ganz pauschal die "Gesundheit" des Kunden verbessern ließe. Seit Jahren sucht man intensiv nach einem Beleg für die vollmundigen Werbeaussagen.

Was hat man untersucht? 135 alte Menschen in Krankenhäusern, die wegen diversen Infekten dort behandelt wurden. Alle bekamen während ihrer Behandlung Antibiotika. Diese können als Nebenwirkung manchmal Durchfälle verursachen. Laut der genannten Studie sank mit dem probiotischen Joghurt die Durchfallrate. In der Placebogruppe bekamen 19 Patienten Diarrhö während es bei den Patienten, die probiotischen Joghurt aßen, nur noch 7 waren. Da es natürlich nicht bei jedem wirkt und auch nur wenige Patienten unter dieser Nebenwirkung leiden, haben die Forscher ausgerechnet, wie viel Joghurt an Patienten verfüttert werden müsste, um einen Fall von Durchfall zu vermeiden und vor allem was das kosten würde: Für 50 Pfund ließe sich rein rechnerisch ein solcher Fall vermeiden.

Das ist doch ein schöner Erfolg? Oder war die Studie schlecht designed? Sie war sogar als placebokontrollierter randomisierter Doppelblind-Versuch angelegt, also so ziemlich das Beste was es methodisch gibt. Das Placebo war übrigens ein steriles Milchmixgetränk. Das ist natürlich erkennbar, es schmeckt anders. Die Autoren behaupten nun, ältere Menschen würden probiotische Produkte eh nicht kennen und deshalb auch keinen Unterschied schmecken. Wer's glaubt! Da es auch für das Personal einfach war herauszubekommen, wer den Milchmixgetränke und wer den Joghurt erhielt, ist das ganze natürlich kein placebokontrollierter Doppelblindversuch. Wenn Patient wie Arzt wissen, was das Placebo ist, ist das Ergebnis einer solchen Studie völlig wertlos.

Ist das so tragisch, wenn das Placebo ein Milchmixgetränk war? Auch das ist methodisch - unabhängig vom Geschmacksunterschied - unzulässig. Denn einen probiotischen Joghurt darf ich weder gegen Magenbrot noch Milchmixgetränk testen, sondern nur gegen normalen Joghurt. Am besten gegen das gleiche Produkt aber ohne den "gesunden" Keim. Die Verwendung des Milchmixgetränkes zeigt, dass die Autoren gar nicht so sehr an einer wissenschaftlichen Klärung interessiert waren. Denn neben den probiotischen Bakterien enthält das handelsübliche Produkt ja auch noch jede Menge Joghurtbakterien. Und wenn das Milchmixgetränk einen höheren Lactosegehalt aufweist, dann kriegen natürlich ein paar "Placebo-Patienten ganz von selbst Durchfall. Die Studie schweigt sich aber über den Lactosegehalt aus.

Das heißt, gewöhnlicher Joghurt könnte die gleiche Wirkung haben? Ja, hat er im allgemein auch. Es geht nicht um Wunderwirkungen, aber die Mikroorganismen, die aus der Milch einen Joghurt herstellen, produzieren doch die gleichen Wirkstoffe. Hier geht es insbesondere um die sogenannten Bakteriozine. Das sind antibiotisch wirksame Stoffe, die von Milchsäurebakterien, also auch von gewöhnlichen Joghurtbakterien gebildet werden. Die Milchsäurebakterien produzieren sie, um in der Milch Konkurrenten abzutöten. Es handelt sich dabei nicht um Breitband-Antibiotika wie Penicillin, sondern um Substanzen, die nur bestimmten Mikroorganismen den Garaus machen. Deshalb helfen sie gelegentlich auch mal gegen Durchfall. Deshalb dürfen wir getrost davon ausgehen, dass die Joghurts im Großen und Ganzen alle die gleiche Wirkung haben, auch wenn sie sich werblich unterscheiden.

Zurück zu unserer Studie: Was ist da schief gelaufen? Angeblich handelt es sich ja um eine unabhängige Studie? Weil das Wort "unabhängig" sich so gut für Werbezwecke eignet. Die Studie ist vom Hersteller gesponsert - wer sonst würde für dieses höchst dubiose "Experiment" Forschungsgelder ausgeben? Die Autoren versichern in ihrer Publikation aber, dass sie sich nicht vom Geld beeinflussen lassen hätten und so ihre Unabhängigkeit gewahrt geblieben wäre.

Literatur:
Hickson M et al: Use of probiotic Lactobacillus preparation to prevent diarrhoea associated with antibiotics: randomised double blind placebo controlled trial. British Medical Journal 2007; 335: 80-84
Guarner F et al: Should yoghurt cultures be considered probiotic? British Journal of Nutrition 2005; 93: 783-786
Meydani SN, Ha WK: Immunologic effects of yogurt. American Journal of Clinical Nutrition 2000; 71: 861-872
Elli M: Survival of Yogurt Bacteria in the Human Gut. Applied and environmental Microbiology 2006; 72: 5113-5117
D'Souza AL et al:: Probiotics in prevention of antibiotic associated diarrhoea: metaanalysis. British Medical Journal 2002; 324: 1361-1366


 
 

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