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17.07.2009
Das Stauffenberg-Attentat jährt sich zum 65. Mal (Bild: AP) Das Stauffenberg-Attentat jährt sich zum 65. Mal (Bild: AP)

20. Juli - adé?

Plädoyer für einen postheroischen Heroismus

Von Erik von Grawert-May

Ist es nicht aberwitzig, welch ein Rumor sich spätestens seit Beginn dieses Jahres um das Attentat Claus Schenks von Stauffenberg gelegt hat? Wir begehen die 65. Wiederkehr des 20. Juli 1944, doch tonangebende Milieus unserer Republik bezweifeln inzwischen, dass wir den Grafen wie in den vergangenen Jahren feiern dürfen. Er sei zwar ein Held, aber ein falscher.

Der neue Zweifel hängt nur locker mit dem Film "Operation Walküre" zusammen, der Anfang 2009 in deutsche Kinos kam. Tom Cruise, Attentäter und Scientologe in Personalunion, hat die Zweifel an der Einschätzung Stauffenbergs sicher verstärkt, begründet hat er sie nicht. Das ist vielmehr dem englischen Historiker, Richard Evans; zu verdanken, der 2008 eine Analyse des "Dritten Reichs im Krieg" vorgelegt hat. Sie führte ihn zu der Behauptung, man müsse am moralischen Motiv des deutschen Widerständlers und an seinen politschen Ordnungsvorstellungen Bedenken tragen. Als Vorbild für moderne Demokratien taugten sie nicht.

Den Thesen von Evans ist der Literaturwissenschaftler, Karl Heinz Bohrer, vehement entgegengetreten. Der Engländer lasse Stauffenbergs Zivilcourage, den Mut; die Noblesse und die Charakterstärke völlig außer acht. Er opfere sie der Mentalität einer political correctness, die auch hierzulande auf fruchtbarsten Boden falle. Es sei anzunehmen, so Bohrer weiter, dass die deutschen Anhänger von Evans wohl auch damals, 1944, gegen das Attentat gewesen wären.

Schlimm genug, dass ein Engländer zu solchen Thesen kommt. Es ist, als ob sich die Ansicht der Kriegs-Alliierten vom deutschen Widerstand auf anderer Ebene wiederholte. Doch während beispielsweise Churchill nach dem Krieg sein Urteil komplett revidierte und die Opposition gegen Hitler zum Edelsten und Größten zählte, was die politische Geschichte der Völker je hervorgebracht hätte, sät sein Nachfahre, Evans, erneut Zweifel an ihrer moralischen Integrität. - Schlimmer jedoch ist, dass Deutsche von heute dem Attentäter den Respekt versagen. Als solle er nie zur Ruhe kommen. Nach dem Krieg galt er in seinem Land noch lange als Verräter, heute wird sein Handeln uns zusehends suspekt.

Angesichts solcher Verwerfungen müssen wir froh sein, dass wenigstens die staatlichen Instanzen der Bundesrepublik am 20. Juli festhalten. Nicht nur der Verteidigungsminister wird beim feierlichen Gelöbnis der Rekruten vor dem Reichstag sprechen, auch die Kanzlerin. Sie setzen die gute Tradition früherer Regierungen fort. Für sie alle war der Attentäter über jeden Zweifel erhaben.

Sie fügten sich Churchills später Einsicht, nach der Taten und Opfer des Widerstands das Fundament eines neuen demokratischen Aufbaus legen würden. Dieser Gleichklang der politischen Auffassungen droht langsam zu zerbrechen. Er nähme gefährliche Züge an, wenn jene oben genannten Milieus Regierungsgewalt erlangten. Dann hieße es möglicherweise: "Weg mit dem 20. Juli!"

Damit es nicht so weit kommt, müssen wir schon jetzt beginnen, unseren Hang zu politisch korrektem Denken zu hinterfragen. Warum wir einer so außerordentlichen Tat wie der Ermordung eines Tyrannen vom Schlage Hitlers immer noch oder immer wieder reserviert gegenüberstehen. Bohrer empfiehlt, sich an der Zivilcourage Stauffenbergs zu messen und sie weiter zu kultivieren. Jeder weiß, wie sehr sie heute erneut benötigt wird und wie wenig sie bei den meisten von uns ausgeprägt ist. Ein Gegengift für unsere Decouragiertheit ist nicht leicht auszumachen. Der preußisch-deutsche Patriotismus, auf den die Widerständler sich bezogen, sei uns, so Bohrer, heute fremdgeworden.

Wir befinden uns in einer Sackgasse. Sie wird derzeit angesichts des Todes von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan immer öfter beschworen. Mitten in unsere friedfertige Konsumsphäre platzt eine Not hinein, die wir nicht teilen können. Uns fehlt ein abgeklärter Heroismus, der den Maßstäben unserer postheroischen Ära gerecht wird und sie trotzdem überbietet, ohne sie der Gefahr des Verlustes auszusetzen. Ein Heroismus, der der Tapferkeit kämpfender Soldaten auf Augenhöhe begegnet, einer, der die Medaillen, die die Bundesregierung inzwischen dafür verleiht, auf psychopolitischer Ebene mitträgt.

Um solche Kunst zu lernen, werden wir nicht daran vorbeikommen, uns mit der Geschichte des Nationalsozialismus intensiver auseinanderzusetzen als es durch das korrekte Einhalten von Tabus möglich ist. Vielleicht bedarf es dazu sogar einiger Anleihen an dem uns fremd gewordenen preußisch-deutschen Patriotismus. Ohne ihn wäre auch die großartige Zivilcourage Stauffenbergs nicht zum Zuge gekommen. Warum sollten wir dabei nicht nach dem Muster im Märchen vorgehen: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? Mir will jedenfalls nicht in den Kopf, warum ein Tom Cruise sagen kann, die Amerikaner hätten alle gerne so gehandelt wie Stauffenberg. Nur wir, wir Deutschen, nicht?

Erik von Grawert-May, 1944 in Lauban/Niederschlesien geboren, studierte Romanistik und Wirtschaftswissenschaften in Paris, Tübingen und Berlin. Er habilitierte sich über den Barockbegriff "Theatrum Belli", ist seit 1994 Professor für Unternehmensethik und -kultur an der Fachhochschule Lausitz und leitet seit 1999 das "Hanns von Polenz Institut für regionalgeschichtliche Studien, Senftenberg".


 
 

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