Der Durchschnittsbürger reibt sich verwundert die Augen. Da wird für 2009 eine Honoraranhebung von fast zehn Prozent für die Ärzte vereinbart, und was ist die Reaktion? Ein Teil der Ärzteschaft protestiert auf das Heftigste, schließt zeitweise die Praxen und droht mit der Rückgabe der Kassenzulassung.
Die Begründung: Die neue Honorarregelung bedeute den wirtschaftlichen Ruin. Noch unverständlicher das Verhalten vieler Banker. Die HSH-Nordbank wird nach massiven Verlusten von den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein mit direkten Beihilfen von drei Milliarden Euro und Garantien von zehn Milliarden Euro vor dem Untergang gerettet. Der Bankchef Nonnenmacher kassiert dennoch einen Bonus von drei Millionen für 2008.
Bei der Commerzbank klagen Investmentbanker Boni in Millionenhöhe ein, obwohl sie im letzten Jahr für ein Minus von über fünf Milliarden Euro gesorgt haben und die Bank damit ruiniert hätten, wäre der Staat nicht mit über acht Milliarden Euro als größter Aktionär eingesprungen. Leben diese Menschen in einer anderen Welt?, fragt sich da der normale Betrachter.
Ja, sie leben in einer anderen Welt, lautet die Antwort. Ihre Welt unterscheidet sich grundlegend von der der meisten Bürger. Dort, wo sie wohnen, wohnen keine Durchschnittsverdiener mehr. Sie können es sich schlicht nicht leisten.
Dort, wo sie Urlaub machen oder ihre Freizeit verbringen, treffen sie nur noch auf ihresgleichen, weil die Preise zumeist so hoch sind, dass sie Normalsterbliche nicht bezahlen können. Auch die Schulen, auf die ihre Kinder gehen, werden zunehmend exklusiver. In den Jahrzehnten nach dem Krieg, vor allem in den Siebzigerjahren, war das noch anders. Die soziale Struktur der Wohnviertel war in den meisten Fällen noch gemischt, Privatschulen waren noch selten und die Freizeitaktivitäten waren vielfach auch noch ähnlich. Diese relativ ausgeglichene Gesellschaft - wirklich Reiche gab es natürlich auch damals, nur in deutlich geringerer Zahl - fand ihr Ende in den letzten zwei Jahrzehnten.
Mit dem Boom der Aktienmärkte, der enormen Steigerung der Spitzeneinkommen, der Senkung der Spitzensteuersätze und der gleichzeitigen Einführung von Hartz IV und einem Niedriglohnsektor wurde die Gesellschaft auseinandergerissen. Die Gruppe, die mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdient, wuchs allein seit 2000 um über ein Drittel, die mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens sogar um fast die Hälfte. Stark geschrumpft ist dagegen die Mitte.
Die Folgen liegen auf der Hand. Wenn die Einkommen sich so weit voneinander entfernen, werden die Lebensbedingungen ebenfalls immer unterschiedlicher. Damit ändern sich auch die Bezugsgrößen, anhand derer man die eigene Lebenssituation bewertet. Typisch die Proteste der Ärzte. Protestiert haben in der Regel nicht jene Ärztegruppen, die am unteren Ende der Einkommensskala liegen, die Psychotherapeuten, die Kinder-, Frauen- oder Hausärzte. Protestiert haben jene Gruppen, die bislang im oberen Drittel der Skala lagen, wie vor allem die Orthopäden. Sie zählten traditionell zu den Spitzenverdienern in Deutschland und vergleichen ihre Einkommen daher mit denen von größeren Unternehmern, hohen Managern oder Wirtschaftsanwälten.
Bei denen ist es in den letzten Jahren zu erheblichen Steigerungen gekommen. Damit verglichen haben die Orthopäden spürbar an Boden eingebüßt. Das lässt sie jetzt so laut klagen. Dass sie immer noch weit mehr verdienen als die allermeisten Bundesbürger, gerät ihnen dabei aus dem Blick.
Wie sehr die eigene Situation die Maßstäbe verzerrt, hat vor ein paar Jahren der ehemalige SPD-Politiker und spätere Bundesbankchef Ernst Welteke demonstriert. Obwohl er von der Bundesbank eine Pension in Höhe von über 8500 Euro erhielt, ging er vor Gericht, um eine Erhöhung um weitere knapp 7000 Euro durchzusetzen.
Er war unter den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes zwar der Spitzenverdiener, bekam mehr als der Bundeskanzler, unter den Bankern in der Frankfurter Finanzwelt, mit denen er regelmäßig verkehrte, war er aber eher ein Kleinverdiener. Das bestimmte seine Wahrnehmung. Die Kluft zwischen denen oben und dem Rest der Bevölkerung wird auch in den Köpfen immer breiter, nicht nur in den Geldbörsen.
Michael Hartmann, geboren 1952 in Paderborn, Studium von Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie, Psychologie, Geschichte und Germanistik in Marburg und Hannover, 1983 Habilitation in Soziologie an der Universität Osnabrück. Seit 1999 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliten-, Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich. Publikationen u. a.: "Der Mythos von den Leistungseliten", Frankfurt a. M. 2002; "Elitesoziologie", Frankfurt a. M. 2004; "Eliten und Macht in Europa", Frankfurt a. M. 2007. 2008 Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie.
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