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14.08.2009
Um keine Zeit zu verlieren, arbeiten Selbstständige sogar im Wartebereich am Flughafen. (Bild: Sony) Um keine Zeit zu verlieren, arbeiten Selbstständige sogar im Wartebereich am Flughafen. (Bild: Sony)

Das "Leben in Projekten"

Von Philipp Albers

Der Begriff "Projekt" ist zu einer Leitmetapher der Moderne geworden und dringt vom Beruf über den Alltag bis hin zum Privatleben in immer mehr Lebensbereiche vor.

Dabei hatte die Rede von der Projektemacherei lange den Ruch des Randständigen und Unseriösen. So galt vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein der sogenannte Projektemacher als ein windiger Geselle, dessen kostspielige Pläne für weltverbessernde Erfindungen zumeist zum Scheitern verurteilt waren. In den 70er-und 80er-Jahren nährten die Alternativprojekte der linken Szene mit ihren Landkommunen, Theaterprojekten und Kinderläden die Illusion von selbstverwirklichter Arbeit jenseits der kapitalistischen Produktionslogik.

Heute dagegen hat das Tool des Projektmanagements Einzug in Großkonzerne wie Start Ups gehalten und sorgt dort für Effizienz. Traditionelle Hierarchien und streng voneinander abgeschottete Abteilungen lösen sich zunehmend in temporäre Projektverbünde auf. Der Begriff des Projekts scheint so sein emanzipatorisches Potential verloren zu haben und vollständig von der neoliberalen Ideologie des Selbstunternehmertums und der absoluten Flexibilisierung absorbiert worden zu sein.

Zugleich wächst die Zahl derer, die statt in einer Festanstellung lieber in Projekten arbeiten und mit einer Haltung zwischen Pathos und Pragmatismus selbstbewusst ihren Lebensentwurf verteidigen. Sie sind kreativ, sie sind wendig, sie sind flexibel. Sie arbeiten heute im W-LAN-Café in Frankfurt, morgen im CoWorking Space in Berlin und nächste Woche für ein paar Tage bei einem Auftraggeber in Kopenhagen. Sie leben in Projekten.

Sicherlich, viele Freiberufler haben stapelweise Bewerbungen verschickt und sich erst aus der Not heraus, keine feste Stelle zu finden, selbstständig gemacht. Andere aber kennen gar kein anderes Leben als in wechselnden Projekten, temporären Arbeitszusammenhängen und diffusen Netzwerken von Freunden, Kollegen, Konkurrenten und potentiellen Auftraggebern. Und wer erst einmal in den Genuss der freien Verfügung über seine Lebenszeit gekommen ist, möchte diese Features eines selbstbestimmten Lebens meist nicht mehr missen.

Doch auch die Nachteile einer solchen Existenzform sind nicht zu übersehen: Die sozialen und ökonomischen Bedingungen freien Arbeitens sind in vielerlei Hinsicht eine Zumutung. Das Dasein als freier Journalist, Designer, Programmierer oder Kulturproduzent ist oftmals geprägt von ständiger Unsicherheit, finanziellen Durststrecken, Selbstzweifeln und nicht zuletzt dauernder Selbst- und Fremdausbeutung bis in die Abend- und Nachtstunden hinein.

Es fehlt eine starke Lobby, auch wenn inzwischen einzelne Verbände versuchen, die diversen Interessen der Freien und Selbstständigen zu bündeln. Dabei gäbe es viel zu tun, denn die Politik zeigt für neue Arbeitsformen immer noch wenig Verständnis. Das zeigt sich beispielsweise in der fortgesetzten Benachteiligung Selbstständiger in der Altersvorsorge. Zwar ist nicht zu leugnen: die Möglichkeit des Scheiterns wohnt jedem Projekt inne. Die dem Leben in Projekten inhärenten Risiken und Unsicherheiten kann einem niemand abnehmen, schon gar nicht der Staat. Aber die Rahmenbedingungen für eine freie Entfaltung projektorientierter Existenzen könnten deutlich verbessert werden.

Die Möglichkeiten der sozialen Absicherung, die für freie Künstler und Publizisten bereits bestehen, müssten auf die zahlreichen durch das Internet hervorgebrachten neuen Berufe ausgeweitet werden.

Verwaltungsstrukturen und Steuerrecht sind häufig allein auf Unternehmen ausgerichtet und überfordern die neuen Selbstständigen. Eine bessere Benutzerfreundlichkeit der Behörden wäre im Sinne aller Bürger.

Denn es geht nicht um die Durchsetzung von Partikularinteressen. Durch den unaufhaltsamen Wandel der Arbeitsgesellschaft rücken die Vollzeitstelle mit Anwesenheitspflicht von 9 bis 17 Uhr und das Modell schnurgerader Karrieren immer mehr in den Hintergrund. Die Zukunft gehört den Projekten.

Die neuen Selbstständigen haben das Rattenrennen der klassischen Angestelltenkarrieren bereits hinter sich gelassen und sich ins Offene einer komplexer gewordenen Arbeitswelt hinausgewagt.

Nicht jeder kann und mag ihnen auf diesem Weg folgen. Doch täten Politik und Gesellschaft gut daran, sich von der alleinigen Fixierung auf eine möglichst hohe Zahl von Festanstellungen zu lösen. Das "Leben in Projekten" ist nicht als "prekär" abzutun oder zu bemitleiden, sondern es geht darum, wo immer möglich, seine Risiken zu minimieren und seine Chancen zu erhöhen.

Philipp Albers, geboren 1974, lebt als freier Journalist und Kulturwissenschaftler in Berlin. Er ist Gründungsmitglied und Agent der Zentralen Intelligenz Agentur, einem Freiberuflernetzwerk, das an den Schnittstellen von Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst operiert. Von 2004 bis 2008 war er als Program Director der American Academy in Berlin tätig.


 
 

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