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19.08.2009
Leerer Spielplatz - in Deutschland ist die Geburtenrate seit Jahrzehnten zu niedrig (Bild: Stock.XCHNG / Rene Cerney) Leerer Spielplatz - in Deutschland ist die Geburtenrate seit Jahrzehnten zu niedrig (Bild: Stock.XCHNG / Rene Cerney)

Auswanderungsland Deutschland

Von Kostas Petropulos

Zu den Stars der Bundesregierung gehört Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Ihr hohes öffentliches Ansehen verdankt sie zwei zielstrebig vorangebrachten Projekten: dem neuen Elterngeld und dem Programm zum massiven Ausbau des Kleinstkindbetreuung in den nächsten Jahren.

Zusammen mit der Ministerin hofft das ganz Land, dadurch endlich die Geburtenzahlen wieder kräftig nach oben steigen zu lassen. Schließlich ist es mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass ohne mehr Kinder unser Land vergreist, die Wirtschaft bedroht und unser Sozialstaat künftig nicht mehr finanzierbar ist.

Daher blickt nicht nur die Bundesfamilienministerin höchst gespannt auf die jeweils neuesten Babyzahlen. Als das europäische Statistikamt kürzlich meldete "außer in Deutschland stieg die Bruttogeburtenziffer zwischen 2007 und 2008 in allen Mitgliedstaaten an" war das ein Tiefschlag für die Ministerin. Umgehend trat sie den Beweis an, dass die deutsche Geburtenrate tatsächlich um wenige Promille höher gelegen habe.

Dieser kuriose Streit sorgte natürlich in den Medien für Aufsehen. Ganz im Gegensatz zur Meldung des Statistischen Bundesamtes, dass Deutschland seit 2008 vom Einwanderungs- zum Auswanderungsland geworden ist. Vor allem hat die Abwanderung von jungen Deutschen weiter angehalten.

Die Tragweite dieser Entwicklung ist der Politik nicht bewusst und schon gar nicht der Öffentlichkeit. Bei allem notwendigen Engagement für mehr Kinder im Land muss man sich nämlich eine Tatsache klarmachen: Trotz aller Bemühungen stagniert die deutsche Geburtenrate faktisch seit mehr als drei Jahrzehnten auf niedrigem Niveau. Dass die Bevölkerung in Deutschland dennoch über Jahrzehnte gewachsen ist, verdankt sie allein den Millionen von Zuwanderern. Sie haben nicht nur das Arbeitskräftepotenzial erhöht, sondern sie sind auch eine zentrale Größe für die Finanzierung des Sozialstaates.

Als im Juli die Bundesbank auf die Notwendigkeit hinwies, nach dem Jahr 2030 das Renteneintrittsalter von 67 auf künftig 69 Jahre zu erhöhen, erhob sich sofort ein öffentlicher Proteststurm. Dabei sind die Bundesbanker sogar noch von einer vergleichweise optimistischen Grundannahme ausgegangen: Sie rechnen damit, dass pro Jahr 160.000 Menschen mehr ein- als auswandern.

Wenn aber unterm Strich niemand mehr kommt oder wie im letzten Jahr sogar mehr Menschen das Land verlassen, dann sind alle Rechnungen über die künftige Stabilität der Renten-, Pflege- oder Krankenversicherung Makulatur. Damit wäre der gesamte Sozialstaat heutiger Prägung nicht mehr finanzierbar. Die Folgen für die Gesellschaft und die Demokratie wären nicht absehbar.

Wie man es dreht und wendet: Die aktuellen Auswanderungszahlen sind ein Fanal - eine unmissverständliche Aufforderung zur grundlegenden Neuorientierung unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Ganz offenkundig haben wir Rahmenbedingungen geschaffen, die den Menschen schon längst keine besonders große Lust auf Kinder machen. Jetzt ist sogar der Punkt erreicht, wo eine wachsende Zahl von tüchtigen jungen Leuten und eben auch Deutschen nicht einmal mehr in diesem Land leben wollen. Vom massiven Verlust an Attraktivität für Menschen außerhalb unserer Grenzen ganz zu schweigen.

Eigentlich müssten da in der Politik alle Alarmglocken schrillen. Stattdessen dümpelt der Bundestagswahlkampf so vor sich hin: Zu seinen bisherigen Höhepunkten gehört der heftige Streit um den Einsatz von Minister-Dienstwagen im Urlaub und auf Privatfahrten. - Das freilich dürfte sehr bald die geringste Sorge sein, die den Bürgern Kopfzerbrechen bereitet.

Kostas Petropulos, Publizist, 1960 in Dresden geboren, studierte Deutsch und Geschichte in Tübingen. Seit 1987 als freier Journalist vor allem als Autor von wirtschafts- und familienpolitischen Themen hervorgetreten. 1995 Mitbegründer des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit, das er seit Ende 1996 leitet.


 
 

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