Der 17. September 1939 ist ein Datum, mit dem sich Europa auch noch nach 70 Jahren schwer tut. Dass ein kritischer Umgang mit der Tragödie während des Zweiten Weltkrieges als politisch heikel galt, lässt sich einigermaßen verstehen. Schließlich wurde Stalin, der sich durch den Einmarsch seiner Truppen in Polen zunächst zum Komplizen Hitlers gemacht hatte, zu einem unentbehrlichen Verbündeten der westlichen Mächte im Krieg gegen Nazi-Deutschland.
Später in dem sowjetisch dominierten Ostblock war das Datum ein absolutes Tabu - auch das ist nicht schwer zu erklären: Die politischen Erben Stalins saßen ja immer noch im Kreml. Und wer Deutschland kennt, hat Verständnis dafür, dass sich die Bundesrepublik in einer anderen Weise mit diesem historischem Ereignis schwer tat.
Die Angst vor dem Vorwurf, dass Deutschland seine eigene Schuld zu relativieren versuche, verhinderte die Auseinandersetzung mit diesem so vielschichtigen Thema. Es warf die Frage nach dem Verhältnis zwischen der braunen und der roten Diktatur auf - eine heikle Frage, wer wollte das leugnen.
Aber die Verhältnisse haben sich geändert. Die Sowjetunion und den Warschauer Pakt gibt es nicht mehr. Stalin und seine Nachfolger sind nur mehr historische Figuren. Deutschland hat ohne Zweifel genügend Selbstbewusstsein, auch über die brisantesten historischen Fragen offen zu diskutieren. Warum also die Schwierigkeiten mit dem 17. September 1939?
Es ist erstaunlich, dass die europäische Teilung, die politisch weitgehend überwunden ist, im historischen Bewusstsein immer noch nicht beendet werden konnte. Viele Westeuropäer haben die Ereignisse vom 17. September entweder aus ihrem Bewusstsein völlig verdrängt oder sie zu einem polnischen Problem heruntergestuft. Das ist zu einfach.
Der 17. September ist ein Datum der europäischen Geschichte und die Erinnerung daran ist für das heutige Europa bedeutsam. Gerade weil sie immer noch von vielen, im Westen Europas, verdrängt und von anderen, in Russland, manipuliert wird.
Jetzt haben manche regierungsnahe Medien in Russland die Theorie verbreitet, Polen habe vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit Hitler paktiert, um gemeinsam die Sowjetunion anzugreifen. Eine Kampagne, die durch ihre Heftigkeit viele überraschte.
Warum, fragt man sich, versucht das heutige Russland, dieses düstere Kapitel der sowjetischen Geschichte so leidenschaftlich zu verteidigen? Gibt es nicht genug in der russischen Geschichte, auf das die Russen zu Recht stolz sein könnten? Haben nicht die Russen selbst unter der Stalin-Herrschaft unermessliches Leid erfahren müssen? Und was für ein Staatsverständnis spiegelt sich wider in der Relativierung der Stalinverbrechen und vor allem in der Glorifizierung des Despoten selbst?
Auf der Westerplatte in Polen, am 1. September dieses Jahres, hielt Ministerpräsident Putin eine Rede, die im Stil milder und konzilianter war als befürchtet. Putin nutzte die Darstellung der Geschichte, um über die Zukunft Europas und Russlands zu sprechen.
So tun wir das in Europa, vor allem in seinem mittleren und östlichen Teil. So tat das auch Bundeskanzlerin Merkel in ihrer bewegenden Rede am 1. September, die in Polen sehr gut aufgenommen wurde. Aber gerade deshalb, weil man in Reden über die Vergangenheit auch über die Zukunft so viel sagen kann, ist der Umgang mit der Geschichte immer noch so entscheidend.
Die Wahrnehmung des 1. September 1939 trennt Deutschland und Polen nicht mehr. Und auch die Wahrnehmung des 17. Septembers 1939, dem Jahrestag des sowjetischen Einmarsches in Ostpolen, muss Russland nicht mehr von Polen und den anderen europäischen Ländern trennen.
Dieses Datum ist so wichtig, weil es für Länder wie Polen oder auch die baltischen Staaten die ganze Ambivalenz der Nachbarschaft mit Russland in der jüngsten Geschichte symbolisiert. Befreiung und Besetzung lassen sich nicht voneinander trennen. Darin liegt auch die Tragik der russischen Geschichte.
Es wäre besser für alle, wenn man darüber mit den Russen offen, vertrauensvoll diskutieren könnte. Hoffentlich wird das bald möglich werden. In diesem Jahr war es das noch nicht.
Janusz Reiter, Botschafter a. D. , Journalist, 1952 in Koscierzyna, einer kaschubischen Kleinstadt 50 Kilometer südlich von Danzig, geboren und aufgewachsen, lernte Janusz Reiter schon als Schüler die Fremdsprache Deutsch. 1971 bis 1976 studierte er Germanistik in Warschau. Während der anschließenden vierjährigen Arbeit als Redakteur der Tageszeitung "Zycie Warszawy" wegen seines Engagements für die oppositionelle Gewerkschaftsbewegung Solidarität 1981 entlassen, arbeitete er nach der Verhängung des Kriegsrechts für oppositionelle Untergrundblätter und war der Deutschlandexperte der Solidarität.
1984 trat Janusz Reiter in die Redaktion der Wochenzeitung Przeglad Katolicki ein, 1989 wurde er Deutschlandspezialist der Solidaritäts-Zeitung Gazeta Wyborcza. Ein Jahr später wurde Janusz Reiter zum Botschafter der Republik Polen in Deutschland, mit Sitz in Köln, ernannt. Nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst ist Janusz Reiter jetzt Berater für Wirtschaft und Politik in Warschau.
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