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27.10.2009
Hans-Christian Ströbele will einen weiteren Feiertag (Bild: Deutscher Bundestag) Hans-Christian Ströbele will einen weiteren Feiertag (Bild: Deutscher Bundestag)

Jedem seinen Feiertag?

Anmerkungen zur Freizeitdiskussion

Von Burkhard Müller-Ullrich

Deutschland hat sich von jeher mit seinem Hyperfleiß unbeliebt gemacht. Lange litten wir unter dem schlechten Image, das uns die permanente Plackerei eintrug. Arbeitsam, aber freudlos schienen wir Deutsche den Völkern der Welt.

Deshalb haben wir uns eine Menge Feiertage zugelegt; im internationalen Vergleich besetzen wir auch damit einen Spitzenplatz. Aber es reicht nicht, wir sind immer noch zu produktiv - jedenfalls in den Augen von Hans-Christian Ströbele, der einen zusätzlichen Feiertag verlangt. Doch nicht irgendeiner soll es sein, sondern ein muslimischer - zum "Zeichen, daß wir den Islam als Weltreligion ernst nehmen". Nun, mit einem Feiertag ist das natürlich nicht getan. Den Islam ernst nehmen heißt: zu ihm übertreten. So sieht es jedenfalls der Islam als Weltreligion selbst.

Gut, es geht vielleicht einfach nicht so schnell mit der Islamisierung Deutschlands, und da kann so ein Feiertag wenigstens als Signal dienen. Das Signal bedeutet: Wenn wir schon die christliche Sonntagsruhe nicht achten, dann wenigstens der religiösen Vorschriften Mohammeds. Wenn wir schon seit langem nicht mehr in die Kirche gehen, so halten wir doch den Bau von Moscheen für eine gute Sache.

Irgendwie schaffen die Muslime vielleicht ein bisschen Ausgleich für unsere eigene religiöse Unmusikalität. Wir leiden ja schon sehr darunter, dass uns die Bedeutung unserer christlichen Feste entgleitet; Weihnachten zum Beispiel ist eine Veranstaltung des Einzelhandels, Ostern und Pfingsten sind Erscheinungsformen des Tourismus-Marketings geworden.

Dabei wissen wir durchaus, wie wichtig es für die Gesundheit ist, Feiertage ernst zu nehmen. Nicht nur, weil wir für Muskeln und Nerven Entspannung brauchen, sondern auch, weil Ruhezeiten unserer Zeitempfindung erst Rhythmus und Struktur geben. Ohne diesen Taktschlag der Sonn- und Feiertage wäre unser Leben ein Brei. Doch Feiertage dienen weniger der individuellen Wellness, sondern der Formung von Kollektiven. Schließlich reflektiert jeder Kalender politische Herrschaftsansprüche in der Dimension der Zeit. Früher ratterten protestantische Bauern gern mit der Mistfuhre an katholischen Fronleichnamsprozessionen vorbei.

Ein muslimischer Feiertag in Deutschland hat also nichts Verbindendes, er ist einfach arbeitsfrei, aber Nichtarbeitenwollen fördert nicht unbedingt die Integration. In Berlin gibt es schon Ärger wegen der gemeinsamen Benutzung öffentlicher Grillroste, auf denen einmal Schweinefleisch gelegen hat. Da stehen die Chancen für transreligiöse Festivitäten vermutlich eher schlecht. Überhaupt kann Integration nicht darin bestehen, jede gesellschaftliche Gruppe mit eigenen Feiertagen, Grillrosten, Schulen, Restaurants und demnächst wohl auch U-Bahn-Wagen und Rechtsvorschriften auszustatten.

Genau das scheint aber der Weg der Politik zu sein: Die Mitte der Gesellschaft wird von immer neuen Minderheiten mit Integrationsforderungen terrorisiert. Prompt hat sich nach dem Chef der türkischen Gemeinde auch der Zentralrat der Juden in Gestalt seines Generalsekretärs mit dem Vorschlag gemeldet, einen weiteren Festtag zum gesetzlichen Feiertag bei uns zu machen, diesmal einen jüdischen. Das ist ja die logische Voraussetzung, damit sich Muslime und Juden hierzulande gegenseitig einladen und bewirten können.

Allerdings sollte man vielleicht einmal die sozialpsychologischen Folgen bedenken. Denn was machen eigentlich die Leute mit ihrer vielen freien Zeit? Sich regenerieren? Oh nein, die ganze Freizeitverbringungsindustrie zeugt doch davon, wie hochgradig anstrengend gerade das Nichtarbeiten geworden ist.

Verglichen mit dem freizeitlichen Erlebnisstress ist der Arbeitsalltag reine Erholung. Kann es wirklich Sinn und Zweck gewerkschaftlicher und gesellschaftlicher Kämpfe sein, das Grauen der Freizeit noch zu verlängern und zu vergrößern? Kann man den Menschen wirklich zumuten, noch mehr dieser schauderhaften Fernsehsendungen anzuschauen und mit kaffeewachen Sinnen das fürchterliche Ticken der absoluten Leere zu ertragen?

Freilich wird die ganze aktuelle Freizeitdiskussion ein abruptes Ende haben, wenn jemand herausfindet, dass es irgendeinen inneren Zusammenhang zwischen Fleiß und Wohlstand gibt. Beziehungsweise zwischen Feiertagen und Geldmangel.


Burkhard Müller-Ullrich, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie. Schreibt für alle deutschsprachigen Rundfunkanstalten und viele Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er war Redakteur beim Abendstudio des Schweizer Radios, beim Schweizer Buchmagazin "Bücherpick" und Leiter der Redaktion "Kultur heute" beim Deutschlandfunk. Mitglied der Autorengruppe "Achse des Guten", deren Website www.achgut.de laufend aktuelle Texte publiziert.


 
 

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