Der Einzelhandel vermeldet gute Umsätze, auf den Straßen herrscht drangvolle Enge, so viele mit Tüten beladene Menschen sind unterwegs. Auch in der Gastronomie ist die Stimmung gut bis glänzend. Sie kann sich über Mangel an Umsatz in diesen Tagen nicht beklagen. Dasselbe in der Tourismusbranche.
Die Weihnachtsmuffel buchen wie eh und je ihre Flüge in die Karibik und auf die Kanaren. Man reibt sich die Augen, aber von der sogenannten Krise ist weit und breit nichts zu sehen - jedenfalls haben die meisten ganz offensichtlich nicht weniger Geld im Portemonnaie als früher.
Wie kommt es aber, dass die Medien trotzdem nicht müde werden, uns einzubläuen, die Zeiten seien schlecht und könnten nur noch schlechter werden? Dass sie uns unablässig mit den Todesfällen in Folge einer Infektion mit Schweinegrippe konfrontieren, obwohl auch diese Zahlen beharrlich unter der Todesziffer durch herkömmliche Grippeerkrankungen bleiben?
Bad news are good news - zumindest für Journalisten: Dieser Grundsatz gilt natürlich immer. Aber die Dreistigkeit, mit der diesem Grundsatz augenblicklich gehuldigt wird, kann des Rätsels Lösung angesichts der allgegenwärtigen medialen Schwarzmalerei nicht sein. Es muss etwas anderes dahinter stecken. Nur was? Könnte es sein, dass viele Medienleute einfach befangen sind in Denkschablonen, die im Laufe der letzten Jahre ihre Gültigkeit verloren haben?
Haben ausgerechnet sie, die doch immer auf der Höhe der Zeit sein wollen, gewisse Entwicklungen schlicht und ergreifend verschlafen? Es ist ja wahr, lange Zeit war auf eines Verlass: Die Deutschen ließen sich schnell ins Bockshorn jagen. "The german angst": Das war über Jahrzehnte hinweg ein geflügeltes Wort in der gesamten englischsprachigen Welt.
Ob es sich um die atomare Bedrohung handelte, um das Waldsterben, das Ozonloch oder dunkel dräuende Epidemien: Immer waren wir die ersten, die Zeter und Mordio schrien. "Die Lust am Untergang" nannte das schon in den Fünfzigerjahren der große Kulturkritiker Friedrich Sieburg, und in den besonders hysterischen Achtzigerjahren feierte das Wort, mit Bezug auf deutsche Befindlichkeiten, fröhliche Urständ. Doch die Achtzigerjahre sind weit.
Vielleicht gehört es auch zu den vielen segensreichen Folgeerscheinungen der Wende, dass sie einen Optimismus hat erblühen lassen, der zumindest der westdeutschen Gesellschaft unter ihrer missmutigen Wohlstandsglocke im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte gründlich abhanden gekommen war. "Veränderung ist machbar, Herr Nachbar": Niemals ist ja ein ironischer Sponti-Spruch so glanzvoll und überwältigend einleuchtend bestätigt worden wie durch die friedliche deutsche Revolution von 1989.
Das musste Auswirkungen auf das Lebensgefühl unserer Landsleute haben. Und manches andere Erfolgserlebnis verstärkte diesen Trend - um nur die Spitze des Eisbergs zu bezeichnen: die herrlich beschwingte alldeutsche Party im Angesicht der Fußballweltmeisterschaft von 2006. Sie hat uns und der Welt gezeigt, dass wir nicht mehr ein Volk von pessimistischen Trauerklößen sind.
Doch eben dies scheint in vielen Medien noch nicht angekommen zu sein. Sei es aus Denkfaulheit oder sei es, dass in den Medien tatsächlich noch immer überproportional viele Angehörige von "the german angst" sitzen: Hier hält man sich grimmig an die eingewurzelten Stereotypen von den schnell in Panik zu versetzenden Deutschen und schreibt eine Krise hoch, die mehr und mehr Menschen hierzulande ignorieren oder sogar als pure Erfindung erleben.
Nun muss man allerdings zur Verteidigung der Journalisten eines sagen: Für sie, jedenfalls soweit sie den Printmedien angehören, sind die Zeiten tatsächlich schlecht. In den Zeitungsredaktionen wird gespart und abgebaut, dass einem angst und bange werden kann. Und so ist der Mensch nun mal gestrickt: seine Ängste projiziert er gern auf andere. Ein bisschen Abstand zu sich selber kann da Wunder wirken.
Also raus aus den Redaktionen, runter auf die Straße. Da kann man sehen, wie die Leute wirklich leben und empfinden. Vielleicht bringt das ja auch dem einen oder anderen Zeitungsmenschen gute Laune und Lebensmut zurück.
Tilman Krause, 1959 in Kiel geboren, Studium der Germanistik, Geschichte und Romanistik in Tübingen. 1980/81 erster von vielen Frankreich-Aufenthalten, beginnend mit einer Stelle als Deutschlehrer am Pariser Lycée Henri IV. 1981 Fortsetzung des Studiums an der Berliner FU. Dortselbst 1991 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den Publizisten Friedrich Sieburg, den ersten "Literaturpapst" der Bundesrepublik. Seitdem diverse Lehraufträge an der FU, der Humboldt-Universität, an der Universität Hildesheim und am Leipziger Literatur-Institut. Sein journalistischer Werdegang führte Tilman Krause über die "FAZ" (1990-1994) und den "Tagesspiegel" (1994-1998) zu seinem jetzigen Posten als leitendem Literatur-Redakteur bei der "Welt".
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