In keinem Jahr seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die finanzielle und ökonomische Lage der Welt so gefährdet und kompliziert wie derzeit. Keinesfalls sind die Erschütterungen der globalen Finanz- und der nachfolgenden Wirtschaftskrise verarbeitet und wir befinden uns auch noch nicht wieder auf solidem Fundament. Dazu wird in einigen Mitgliedsländern der Euro-Zone deutlich, wie dramatisch die wirtschaftlichen Verwerfungen den Zusammenhalt des Euro-Blocks gefährden.
Dabei ist Griechenland noch ein Sonderproblem. Ohne Wenn und Aber muss Athen zugeben, dass die verschiedenen griechischen Regierungen jahrelang ihre europäischen Partner belogen und betrogen haben. Im Grunde müsste das Land ausgeschlossen werden. Aber das sehen die Statuten des Vertrages von Maastricht gar nicht vor. Was jetzt allein helfen würde, wäre ein rigider Sparkurs im Lande. Aber davon wollen die Griechen überhaupt nichts wissen.
Wenn aber nun zig Milliarden Euro aus Brüssel in das Land gepumpt werden sollen, nicht zuletzt, weil die Europäer den griechischen Dominoeffekt fürchten, stellt sich umgehend die Stabilitätsfrage. Soll heißen: Warum hält denn die Europäische Zentralbank bloß so eisern an ihrem Drei-Prozent-Inflationsziel fest? Könnte sie nicht ein wenig großzügiger sein? Und vielleicht auch vier Prozent Inflation gestatten? Mit solch großzügigem Umgang mit der Stabilität haben Länder in Südeuropa, aber auch in Großbritannien schon früher ihre finanziellen Probleme gelöst. Mit hohen Inflationsraten überlebten zwar die Regierungen, aber ihre Wirtschaft nahm langfristig schweren Schaden.
Und siehe da, plötzlich gibt es einen einflussreichen Franzosen, den Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds in Washington Olivier Blanchard, der genau diese Spielchen wieder anfangen will. Und schlimmer noch - Blanchard soll in Kürze Nachfolger des streng stabilitätsorientierten europäischen Chefvolkswirtes Jürgen Stark werden. Schon geht die große Angst um, die Euro-Zone könnte scheitern.
Aber das ist eigentlich nur ein regionales Problem, überwölbt wird dies alles von der Diskussion über die richtige Antwort auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Zur Rettung vor dem Finanzdesaster haben alle Regierungen der Welt Hunderte von Milliarden US-Dollars und Euros in die Finanzmärkte gepumpt. Es galt, eine Wiederholung der Krise von 1929 mit ihren katastrophalen politischen Folgen zu vermeiden. Das ist im Großen und Ganzen gut gelungen.
Nun aber muss man mit den Langzeitfolgen der verabreichten Medizin fertig werden. Die ungeheure Finanzliquidität, mit der die Krise gezähmt wurde, schwebt frei um den Globus und muss eingefangen werden. Es gilt, die Geldmenge zu verringern und die Zinssätze der relevanten Zentralbanken zu erhöhen. Das aber birgt Gefahren. Geschieht es zu früh, würgt man die gerade erst wieder zart sprießende Konjunktur ab. Wartet man zu lange, ist die Inflationsgefahr bald nicht mehr zu bändigen.
Gerade in Deutschland gibt es in Sachen Inflation aus guten Gründen eine Heidenangst. Allerdings neigen Politiker in unseren politischen Wohlfühlzeiten dazu, unangenehme Entscheidungen mit harten Konsequenzen auf spätere Zeitpunkte, wenn sie selbst nicht mehr regieren, zu verschieben. Das heißt konkret, die Inflation ein bisschen laufen zu lassen. Indessen ein bisschen Inflation gibt es ebenso wenig wie ein bisschen Schwangerschaft.
Die Inflation einmal vom straffen Zügel gelassen, fällt schnell in Galopp und produziert steigende Arbeitslosenzahlen. Und am Ende steht immer ein Währungsschnitt, der die große Menge aller Gehalts- und Rentenbezieher stets schärfer bestraft, als die Eigentümer von Häusern und Aktien. Leider gerät die Kenntnis dieser ökonomischen Grundtatsache ziemlich schnell in Vergessenheit. Und leider tun manche Politiker nicht genug, um ihren Wählern diese unangenehmen Wahrheiten ins Gedächtnis zu rufen. Stattdessen schwafeln sie vom Kaputtsparen, das ihre stabilitätsorientierten Widersacher angeblich anstreben.
Dr. Friedrich Thelen: Jahrgang 1941, studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Philosophie. Er war Büroleiter Berlin der "Wirtschaftswoche" und ist jetzt als Publizist tätig. Er hat langjährige berufliche Erfahrungen im angelsächsischen Raum.
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