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09.04.2010
Hosfeld: Unhinterfragter Kultus des Staatsgründers Atatürk.  (Bild: AP) Hosfeld: Unhinterfragter Kultus des Staatsgründers Atatürk. (Bild: AP)

Verordnete Geschichte

Anmerkungen zur offiziellen Vergangenheitspolitik der Türkei

Von Rolf Hosfeld

Manchmal lese ich die türkische Presse. Zum Beispiel erst kürzlich die englische Ausgabe von "Hürriyet". Burak Bekdil äußerte sich da in einem Kommentar zu der Ankündigung seines Ministerpräsidenten Erdogan, im "Notfall" 100.000 "illegal" im Land lebende armenische Gastarbeiter in ihr Ursprungsland zu deportieren.

Nicht etwa, weil sie etwas verbrochen hatten (wie kann ein Kollektiv etwas verbrechen?), sondern weil Parlamente in den USA und Schweden zu der Auffassung gekommen waren, die Deportation von über einer Million Armenier 1915 sei als Völkermord zu bewerten.

Kurz gesagt, der Ministerpräsident eines Landes, das die feste Absicht hat, Mitglied der Europäischen Union zu werden, kündigte - ausgerechnet in der BBC - an, eine ganze Bevölkerungsgruppe in Geiselhaft zu nehmen. Stellen wir uns einmal vor, in spätstalinistischer Zeit hätte etwa ein sowjetischer Politiker eine ähnliche Ankündigung gemacht. Nicht auszudenken, wie die Reaktionen ausgefallen wären.

Glücklicherweise aber gibt es in der Türkei eine verhältnismäßig freie Presse. Burak Bekdil gab seinem Kommentar den Titel "Der Exodus - Teil II?" und spielte damit auf jene Ereignisse von 1915 an.

Und dann zitierte er Erdogan selbst. Mit drei Sätzen aus den letzten zwei Jahren. Erstens hatte der Ministerpräsident gesagt, die Tötung von etwas weniger als hundert turkstämmigen Uiguren durch die chinesische Polizei sei ohne Zweifel als Völkermord zu bewerten. Zweitens, nach einer Reise in den Sudan, er habe in Darfur persönlich keinen Völkermord beobachten können, also habe es keinen gegeben. Erdogan wörtlich: "Moslems begehen keinen Völkermord". Und drittens: "Politiker können nicht über den Tatbestand eines Völkermords entscheiden. Dies ist die Aufgabe von Historikern."

Also was? Parlamente in Washington oder Stockholm dürfen nicht entscheiden. Erdogan aber, als Wüstentourist und ferner Beobachter der Zustände in China, darf. Über den mentalen Zustand des Überbringers solcher Nachrichten, so Bekdil, solle sich der Leser lieber selbst ein Urteil bilden.

Leider aber ist die Fähigkeit zur eigenen Urteilsfindung nicht gerade eine Tugend, die von der offiziellen türkischen Politik besonders gefördert wird. Wie über Geschichte zu befinden sei, darüber entscheidet eine staatlich kontrollierte Historikergesellschaft. Es sind Zustände wie im alten Moskau, gäbe es da nicht einige - unter anderem vom türkischen Unternehmerverband TÜSIAD geförderte - liberale Privatuniversitäten.

Vor einiger Zeit lud das türkische Parlament den Historiker Justin McCarthy ein, um endlich einmal die "Wahrheit" über die Ereignisse von 1915 zu erfahren. Dass McCarthy als bekannter Völkermordleugner unter internationalen Historikern eine so anerkannte Größe ist wie etwa David Irving in Bezug auf den Holocaust, wurde den Parlamentariern wohlweislich verschwiegen. Und so erfuhren sie etwas, was sie ohnehin bereits in der Schule gelernt hatten und ihre Bunkermentalität noch verstärkte. Erdogans Auftritt in London war ein letztes haarsträubendes Beispiel dieser Kultur des notorischen Beleidigtseins.

Die türkische Schule ist eine wesentliche Quelle einer solchen herbeigezüchteten Kultur. Keine Schule ohne Schautafeln, auf den steht: "Wir dürfen froh sein, uns Türken zu nennen". Und nicht nur die Richtlinien schreiben genau vor, was und mit welcher Zielrichtung im Geschichtsunterricht gelehrt werden soll. Ein an die sowjetische Leninverehrung erinnernder Kultus des Staatsgründers Atatürk steht dabei vollkommen unhinterfragt und allgegenwärtig im Mittelpunkt. Er wird auch - und man stelle sich das in irgendeinem anderen europäischen Land vor - regelmäßig durch staatliche Kommissare kontrolliert.

Plötzlich und unangemeldet können sie jederzeit mit ihren grauen Anzügen in einer beliebigen Unterrichtsstunde erscheinen. Und dann wird die Klasse abgefragt. Was wissen sie über das Türkentum, seine Feinde und die Nation? Wehe dem Lehrer, wenn die Antworten unbefriedigend oder missliebig ausfallen.

Wir haben es mit einer indoktrinierten Nation zu tun. Und das macht viele Dialoge und den zivilisierten Umgang manchmal so endlos schwierig.


Rolf Hosfeld, Publizist, Autor, Lektor und Filmemacher. Geboren am 22. Juni 1948 in Berleburg (NRW), studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften. Hosfeld lebt als freier Autor und Filmemacher auf dem Land bei Potsdam.


 
 

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