Vor einiger Zeit gab es wieder einmal eine von diesen Studien, die den Fortschritt der Integration von Migranten in Deutschland deutlich machen sollte. Das Ergebnis: Die Türken waren mal wieder die Verlierer.
Was dann die Medien daraus machen, hörte sich dann so an: "Die Türken verweigern sich eisern der Integration" oder "Türken Schlusslicht bei der Integration."
Ich frage mich, mit welcher Intention die Verfasser solcher Schlagzeilen an die Öffentlichkeit gehen? Wer soll der Empfänger ihrer Interpretation der Studie sein? Reflexartig melden sich sofort aus allen Parteien Politiker, die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben einem Türken begegnet sind und sagen, dass jetzt aber dringend etwas getan werden müsse. Mal sind es die Gemüseverkäufer, mal die nicht strafmündigen Jugendlichen, ein anderes Mal die entrechteten muslimischen Frauen, die für die Diskussionen herhalten müssen.
Aber es ist doch gut, dass die Politiker sich äußern und die Medien darüber berichten, dass ein Austausch stattfindet, dass endlich die Probleme angesprochen werden. Es ist die Reaktion der Journalisten, denen ich ihnen vorwerfe, dass sie wieder einmal einen total überzogenen Hype produzieren. Und wenn dann noch eine selbsternannte Türken-Kritikerin ungefiltert im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen sagen darf, dass der muslimische Mann gerne auch mal auf ein Tier zurückgreift, um seinen sexuellen Trieb zu befriedigen, weil er ihn ja irgendwie loswerden muss, dann kann ich wirklich nicht mehr glauben, dass Deutschland seit über 50 Jahren ein Einwanderungsland sein soll. Die Polemik deutet wahrlich nicht darauf hin, dass man sich ernsthaft mit der Sache auseinandersetzen möchte.
Wie lange will dieses Land eigentlich noch über Integration debattieren und diskutieren? Wie oft soll der Migrant noch analysiert und erforscht werden, bis man Taten folgen lässt? Reichen denn über 50 Jahre Einwanderungsgeschichte nicht aus, endlich die Endlosschleife des immer gleichen Redens zu beenden und konstruktive Ideen vorzuschlagen?
Es gibt viele Gründe, weshalb sich Menschen verweigern, weshalb sie sich nicht bilden wollen, weshalb sie Angebote der Gesellschaft nicht aktiv wahrnehmen. Das ist fraglos auch ein größer werdendes Problem bei Türken, vor allem in der jungen Generation. Aber es ist nicht allein das Problem der Türken. Viele deutsche Kinder aus ärmeren Schichten finden doch auch keinen Zugang zu Bildungsangeboten, bleiben ohne Lehrstellen - und verweigern sich dann aus Trotz der Gesellschaft. Sind die etwa besser integriert?
Es scheint mir ein Problem zu sein, das Deutsche und Türken gemeinsam haben, das sich nur verschieden auswirkt. Deshalb wünschte ich mir, Türken und Deutsche würden sich gemeinsam Sorgen machen, anstatt sich gegenseitig ihre Fehler vorzuhalten. Ihr Türken, wir Deutschen - und umgekehrt: Diese Form der Diskussion bringt uns, Deutschland einfach nicht weiter.
Also was ist dann die Lösung? Es gibt nicht die eine Lösung, denn es gibt nicht nur das eine Problem. Aber man kann mit dem ersten Problem anfangen, nämlich mit dem Sprachproblem, das viele Migrantenkinder haben: Raus aus den Milieus, weg vom türkischen Fernsehen und rein in die Kitas. Verpflichtend für alle, jetzt. Ohne große Diskussion.
Hatice Akyün zieht 1972 im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie aus Anatolien nach Duisburg. Nach einem Volontariat bleibt die Journalistin in Berlin, wo sie seit 2001 lebt. 2005 veröffentlichte sie ihr erstes Buch "Einmal Hans mit scharfer Soße - Leben in zwei Welten". 2008 kommt die Fortsetzung "Ali zum Dessert", in dem sie als Mutter einer Tochter schreibt: Über den Reichtum, mehrere Sprachen zu sprechen und in zwei Kulturen aufzuwachsen.
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