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09.08.2010
In der Baubranche gibt es besonders viele Skandalgeschichten, meint Rolf Schneider. (Bild: AP) In der Baubranche gibt es besonders viele Skandalgeschichten, meint Rolf Schneider. (Bild: AP)

Explodierende Kosten und Skandalgeschichten

Das Bauen braucht neue Strukturen

Von Rolf Schneider

Dass es im modernen Wirtschaftsbetrieb kriminell zugehen kann, mag man bedauern, doch es lässt sich kaum verhindern. Der Wirtschaftsbetrieb ist ein Teil des allgemeinen Lebens, wo auch sonst regelmäßig gegen die Strafgesetze verstoßen wird. Dass die Wirtschaft, die nach Profiten und großem Geld strebt, für Kriminalität besonders attraktiv ist, liegt nahe.

Allenthalben liest man daher von Schmiergeldern, verschleppten Insolvenzen, Steuerhinterziehungen, Verstößen gegen Handelsgesetze und sonstigen Betrügereien. Derlei betrifft das gesamte Spektrum der Ökonomie, doch es existiert eine Branche, die sich hier besonders hervortut: die Bauwirtschaft.

Mehrmals wöchentlich ereilen uns Meldungen, bei der Errichtung von Gebäuden sei gepfuscht worden. Kostenvoranschläge für Bauvorhaben der öffentlichen Hand sind Lachnummern. Öffentliche Ausschreibungen, die eigentlich stattfinden sollen, fallen fort oder werden zur Formalie. Der kriminelle Filz zwischen Auftraggebern und Ausführenden scheint undurchdringlich. Immerfort wird betrogen, geschludert, gestohlen.

Der U-Bahnbau in Köln, an einer Strecke, die nach übereinstimmenden Urteilen überflüssig ist, wurde so mangelhaft ausgeführt, dass das Stadtarchiv zusammenstürzte und unwiederbringliche Verluste entstanden. Außerdem sind beim Streckenausbau ein Großteil der Stahlarmierungen gestohlen und an Schrotthändler verkauft worden.

In Berlin, wo ich lebe, begleiten Bauskandale mit politischen Folgen die Stadtgeschichte seit einem Halbjahrhundert. Mehrere Baustadträte, Bausenatoren, Parlamentarier und ein Regierender Bürgermeister verloren ihre Ämter, weil sie verstrickt waren in Immobilienschiebungen oder Baumauscheleien. Die Grund-und-Boden-Mafia in der Stadt ist eine unerschütterliche politische Größe, vor der die politische Klasse ins Knie fällt. Woran mag das liegen?

Bauen ist ein kompliziertes Geschäft. Zwischen erstem Entwurf und Schlüsselübergabe liegt ein langes und hochkompliziertes Verfahren, für Nicht-Sachverständige schwer durchschaubar; das macht es potenziellen Betrügern leicht. Hinzu kommen die vielen Subunternehmer, die alle ihren Gewinn ziehen wollen: zu Lasten ihrer Beschäftigten, die sie gerne aus dem östlichen Ausland beziehen, die ihrerseits häufig schwarz arbeiten, weswegen sie ihr Tagewerk eher lustlos versehen, also auch fehlerhaft.

Nun gibt es Kontrollen. Sie sind sogar vorgeschrieben. Abgesehen davon, das auch Kontrolleure bestechlich sein können, sind ihrer viel zu wenige. Wie es heißt, zeigen sich die bestehenden Bauaufsichten allenthalben überfordert, man habe kaum noch Fachleute, die Überprüfungen vornehmen, derart würden große Bauvorhaben vielfach zu einem unkontrollierten Freiraum und böten viel Platz für Dunkelmänner.

Das sind lauter einsehbare Gründe, wieso die Dinge so stehen, wie sie stehen. Die letzte Erklärung sind sie nicht. Die letzte Erklärung ist das nahe Beieinander von Profit und Betrug oder von Eigentum und Diebstahl. Damit rühren wir an die Wurzeln des Kapitalismus, zu dem es, wie der Zusammenbruch des Ostblocks zeigt, keine realistische Alternative gibt. Wenn er sich aber im Bewusstsein des breiten Publikums nicht völlig diskreditieren möchte, muss er sich in einem Kraftakt ständiger Selbstreinigung darum bemühen, die aller ärgsten Auswüchse zu beseitigen.

Vielleicht wäre auf dem Bausektor ein Verbot des Subunternehmertums ein denkbarer Weg. Oder die Spitzenorganisationen der Unternehmerverbände legen ihren Mitgliedern vom Baugewerbe ein paar Fesseln an. Das alles würde die Kriminalität im Bauwesen vermutlich nicht völlig beseitigen, doch vielleicht ein Gutteil. Wir sind ja schon mit wenigem zufrieden.


Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u. a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.


 
 

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