Was regt uns neben der Millionärssteuer noch auf? Ach ja, die Mehrwertsteuer. Und die Frage, wie es der Kanzler schafft, aus dem Amt zu kommen, ohne die Verfassung allzu sehr zu beschädigen. Unsere Sorgen müssten wir haben, meint Alan Posener, Kommentarchef bei der "Welt am Sonntag".
Nach Jahrhunderten der Abgeschlossenheit musste sich China im 19. Jahrhundert dem Westen öffnen. In Brüssel jubelte ein junger deutscher Revolutionär:
"Die Bourgeoise reißt auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen…"
So weit Karl Marx. Freilich zögerte China, sich die Produktionsweise und die Zivilisation des Westens anzueignen; und China ging zugrunde.
Aus Krieg, Bürgerkrieg, Chaos und Diktatur ist China aber am Ende des 20. Jahrhunderts wieder aufgetaucht. Es hat seine Lektion gelernt. Es produziert nun selbst wohlfeile Waren: T-Shirts und Schuhe, Autos und Öltanker, Computer und Handys. Und in Brüssel jubelt niemand. Denn ein Gespenst geht um in Europa, und das Gespenst heißt Globalisierung. Sein Gesicht ist chinesisch, japanisch, koreanisch, indisch. Darin liest Europa so wenig Mitleid wie es damals die Asiaten in den Gesichtern der Langnasen lasen. Nun sind wir dran.
Pusten wir den Staub von unserem Exemplar des Kommunistischen Manifests. Da hieß es doch … ja, richtig:
"Die Bourgeoisie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet…"
So ist es. Die Handy-Sparte von Siemens lässt als neuestes Beispiel grüßen. Handys stellen wir nicht mehr her. Morgen könnte die deutsche Autobranche dran sein. Und hören wir genau hin: Wer bedauert das? Die Reaktionäre, sagt Marx, und er hat Recht. Die Apostel der Abgeschiedenheit. Damals die Mandarine hinter ihrer Mauer, die Samurai in ihrer Rüstung. Heute die Chirac und Schröder, die hinter einer europäischen Mauer Subventionen und Sozialmodelle verteidigen wollen, die wir uns schon jetzt nicht mehr leisten können. Die Müntefering und Lafontaine mit ihrer widerlichen Hetze gegen Heuschrecken und Fremdarbeiter, die gesunde deutsche Betriebe kahl fressen und deutschen Familienvätern die Arbeit wegnehmen. Die traurigen Ritter des Abendlandes, die aus Europa lieber einen christlichen Verein alter Männer machen wollen, als es zu öffnen für jene, die noch nicht satt und müde und melancholisch sind.
Wir wissen doch alle im tiefsten Winkel unseres Herzens, wie wir leben werden, wie wir leben müssen, wenn wir nicht untergehen wollen. Wir wissen, dass wir zwei bis drei Jobs brauchen werden, um über die Runden zu kommen; dass wir bereit sein müssen, jederzeit den Beruf, den Wohnort, das Land, die Sprache zu wechseln; dass wir privat für Krankheit und Alter vorsorgen, aus eigener Tasche für gute Schulen und Universitäten bezahlen müssen; dass wir ebenso wie unser Land kosmopolitisch und multikulturell werden müssen; dass wir, mit einem Wort, in Deutschland amerikanische Zustände bekommen werden - wenn wir Glück haben. Sonst bekommen wir chinesische. Nicht die von heute. Die des 20. Jahrhunderts.
Von diesem Wissen allerdings ist im jetzt beginnenden Wahlkampf nichts zu spüren. Die SPD und die Grünen haben einen neuen alten Feind entdeckt und wollen ihn besteuern: Den Millionär. Die Union hat einen neuen alten Feind entdeckt und will ihn raushalten: Den Ausländer. Jeder weiß, dass durch eine Millionärssteuer nicht eine einzige Arbeitsstelle geschaffen wird. Die Luxus-Appartements in Dubai warten schon auf die Steuerflüchtlinge. Jeder weiß, dass durch eine Politik der geschlossenen Tür nicht einmal ein Tausendstelprozent Wachstum geschaffen wird. Die Briten aber nehmen die polnischen Klempner, die ungarischen Ärzte, die indischen Filmer und die chinesischen Computerexperten und schaffen mit ihnen Wohlstand. Für Deutschland bleiben die Sozialfälle.
Was regt uns aber neben der Millionärssteuer und der Zuwanderung noch auf? Ach ja, die Mehrwertsteuer. Und die Frage, wie es der Kanzler schafft, aus dem Kanzleramt zu kommen, ohne die Verfassung allzu sehr zu beschädigen. Unsere Sorgen müssten wir haben.
Wer genau hinhört, vernimmt ein Lied in der Luft. Es ist ein altes Lied, aber es wird von neuen Stimmen gesungen. Ein Freund von Karl Marx hat es für die schlesischen Weber an ihren Handwebstühlen gedichtet, nun ertönt Heinrich Heines Lied im Takt der neuen Maschinen in Schanghai und Guangdou: "Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch. Wir weben. Wir weben."
Alan Posener ist Journalist und Autor. 1949 in London geboren, aufgewachsen in London, Kuala Lumpur und Berlin, studierte Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitete anschließend im Schuldienst, dann als freier Autor und Übersetzer. Von 1999 bis 2004 war er Mitarbeiter der "Welt", zunächst als Autor, dann als Redakteur. Seit März 2004 ist er Kommentarchef der "Welt am Sonntag". Posener publizierte neben Schullektüren u.a. Rowohlt-Monographien über John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley, William Shakespeare und Franklin D. Roosevelt, die "Duographie" Roosevelt-Stalin und den "Paare"-Band über John und Jacqueline Kennedy.
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