Manche Bücher euphorisieren, andere spenden Trost, Dritte machen ihre Leser bedrückt. Und dann gibt es solche - seltene - Fälle, in denen Bücher ein ganzes Weltbild eröffnen, respektive zusammenstürzen lassen wie etwa Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis".
Für mich als Kind der 70er-Jahre mit ihrem Aufstiegsversprechen - Bildung für alle! Kultur für alle! Die Herkunft ist egal, es zählen nur deine Fähigkeiten! - kam die Niederlage jüngst auf leisen Sohlen. Das Buch, das mich deprimiert hinterließ, weil es mir äußerst unsentimental die letzten Flausen austrieb - Du kannst es! Du schaffst es! Du bist schlau und Teil der Elite! - erschien bereits 2003. Es ist ein sprödes soziologisches Werk, lässt aber seine Sprengkraft schon im Titel anklingen: "Der Mythos von den Leistungseliten". Nüchterner als im Resümee des Darmstädter Soziologen Michael Hartmann kann das Scheitern einer sozialdemokratischen Leitidee kaum formuliert werden: Das Elternhaus, das Elternhaus und nochmals das Elternhaus entscheidet darüber, wie weit einer es in dieser Gesellschaft bringt. Brillante Bildungsabschlüsse, exorbitante Leistungsprofile garantieren keineswegs den Weg an die Spitze von Firmen und Institutionen. Mit einer Ausnahme, die uns beim Blick ins Parlament sinnfällig erscheint: In der Politik kommt auch der kleine Mann ganz nach oben. Aber wer will schon in die Politik? Echte Eliten meiden dieses Feld wie der Teufel das Weihwasser.
Kaum drang die Nachricht von Jürgen Schrempps Rückzug bei Daimler-Chrysler an mein Ohr, fiel mir prompt die deprimierende Hartmann-Lektüre ein, obwohl ich sonst Bücher schneller vergesse, als ich sie lese. Schrempp ist kein Konzernchef, dem man Kränze flechten möchte, auch kein sympathischer Typus im öffentlichen Auftreten, doch zunächst einmal einer der ganz wenigen Bosse in Deutschland, die einst selbst an der Werkbank gestanden haben. Dass er sich zehn Jahre lang an der Daimler-Spitze halten konnte - ja dass er überhaupt den feingeistigen Edzard Reuter beerbte - war für sich genommen ein letztes Signal aus der Ära Willy Brandt: Geht doch! Jeder hat die Chance, sich durchzukämpfen! Aber wieso eigentlich kämpfen? Ein Kai-Uwe Ricke von der Telekom, dessen Vater Helmut ebenfalls schon Telekom-Manager war, musste nie ein rohes Ei samt Schale herunterwürgen, um den unbeugsamen und damit unbesiegbaren Eisernen Hans zu mimen. Schrempp schon, wenn man Presseberichten trauen darf, und da liegt die Crux. Subjektiv gibt es für ihn nichts zu beklagen, weswegen er auch glaubwürdig behauptet, er sei "ein glücklicher Mensch". Alles Erreichbare hat er erreicht und lange verteidigt, und als armer Mann geht er nicht in Rente. Cum grano salis bietet sein beispielloser Aufstieg einen echten Anreiz für junge Menschen, es Schrempp mit Kraft, Zielstrebigkeit und Zähigkeit nachzutun.
Sein Sturz ist freilich nicht mehr beispiellos, sondern passt exakt ins Muster: Nach oben zu kommen, bedeutet etwas gänzlich anderes, als sich oben zu halten! Und hier wird aus dem Individualfall ein gesellschaftliches Desaster. Wir haben ein Elitenproblem, doch ganz anders, als es die Politiker in Form von PISA-Programmen formulieren. Der Aufstieg aus einem nichtelitären Elternhaus in höchste Wirtschaftspositionen erfordert grobe Mittel, die sich gegen den Aufsteiger wenden, falls er oben ankommt. Mit höchster Wahrscheinlichkeit wird er sich dort selbst demontieren, und deswegen kann die Abstammungselite aus dem gehobenen und dem Großbürgertum auch exemplarische Ausnahmen zulassen. Sie passen nämlich als Augenwischerei für Talentierte aller Schichten ins System, damit diese tun, wozu sie bestimmt sind: Sich maximal anstrengen, um dann im zweiten und dritten Glied die Arbeit zu verrichten, die jene ganz oben nicht verrichten wollen oder können. Dieses System braucht das Bündel Stroh vor den Augen des Esels, damit er weiterläuft. Dass er es selbst dann nicht dauerhaft erhält, wenn er es doch einmal zu schnappen vermochte, erfährt er nur indirekt, wenn mal wieder einer den Rückzug antreten muss.
Kein Hoffnungsschimmer, kein schmaler utopischer Streif am Horizont? Seien wir Realisten, nein, seien wir gnadenlose Realisten und lauschen wir den Worten eines Mannes, der um jeden Preis - auch den der Mitschuld an schlimmsten Verbrechen - Teil der Elite seiner Zeit sein wollte. Geglückt ist es ihm nie, und verbittert rechnete er in seinem Tagebuch mit alten und neuen Herren ab: "Elite sind diejenigen, die bei höchsten Einnahmen die niedrigsten Abgaben zahlen. Elite sind diejenigen, die von anderen die Ausfüllung von Fragebogen verlangen können. Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt. Elite sind diejenigen, die sich das tu quoque verbitten dürfen."
So zynisch, so bitter, so wahr - so Carl Schmitt.
Florian Felix Weyh, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyhsheiten.de zu finden.
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