Nach dem Ereignis, das die Vertreter der politischen Klasse Deutschlands in pathetischer Einmütigkeit über alle Parteigrenzen hinweg als "Schicksalswahl" zu bezeichneten, lohnt es sich, an das Bild der griechischen Demokratie zu erinnern, das Hannah Arendt bei dem antiken Geschichtsschreiber Thukydides vorgefunden hat:
"In ihren stets von neuem anhebenden Gesprächen", so die Königsberger Philosophin, "haben die Griechen entdeckt, dass die uns allen gemeinsame Welt normalerweise von unendlich verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden kann. Die Griechen lernten verstehen - nicht einander als vereinzelte Personen verstehen, sondern die gleiche Welt vom Standpunkt des anderen zu betrachten, und das Gleiche unter sehr verschiedenen und oft entgegen gesetzten Aspekten sehen. Die Reden, in denen der Vorläufer der modernen Geschichtswissenschaft die Standpunkte und Interessen miteinander kämpfender Parteien erläutert, sind immer noch ein lebendiges Zeugnis vom hohen Objektivitätsgrad dieser Auseinandersetzungen."
Selbst wenn man als mehr oder minder abgebrühter Zeitgenosse geneigt ist, an dieser Glorifizierung einer historischen Sternstunde der Menschheit herumzumäkeln, wird man schwerlich um das Eingeständnis herumkommen, dass uns nicht nur das in ihr aufgehobene Bewusstsein der Pluralität, die Einsicht also, dass unser In-der-Welt-Sein bedeutet, diese Welt mit vielen anderen zusammen verantwortlich teilen und gestalten zu müssen, abhanden gekommen ist, sondern dass der Objektivitätsgrad der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen unter dem Diktat der kollektiven Unlustvermeidung gegen null tendiert.
Angela Merkel und Gerhard Schröder einigten sich mit ihrer jeweiligen Entourage darauf, das Wahlvolk mit einem von verschwommenen Ernsthaftigkeitsfloskeln begleiteten Schonprogramm zu beglücken, das sich dadurch auszeichnet, dass der bis zur homöopathischen Dosis verdünnten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität jegliche Anerkennung verweigert wird.
In dem zurückliegenden Wahlkampf, einer fernsehgestützten Zeit-, Begriffs- und Sinnvernichtungsmaschine, in der die Kandidatinnen und Kandidaten mit bedeutungsschweren Blicken die immergleichen Leerformeln in die permanent laufenden Kameras hineinsprachen, wähnte sich - so der bleibende Eindruck - jeder der Akteure verloren, wenn er die Lage endlich so beschrieben hätte, wie sie ist. Die Rentenkassen sind leer und die sozialen Sicherungssysteme kollabieren, weil sich die mittlere und ältere Generation darin eingerichtet hat, auf Kosten ihrer Kinder und Enkel über ihre Verhältnisse zu leben: Nach uns die Sintflut.
Warum fällt es so schwer, die seit drei Jahrzehnten andauernde unverantwortliche Überforderung des Staates durch den Bürger zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung zu machen, warum rührt es an ein Tabu, sich Klarheit darüber zu verschaffen, welche Arbeitsteilung in Zukunft zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft, zwischen Eigenverantwortlichkeit und kollektiver Absicherung herrschen soll und unter welchen Bedingungen die soziale Integrationskraft des Gemeinwesens über die nächste Legislaturperiode hinaus erhalten werden kann?
In dieser Situation ist es verführerisch, sich selbst der edelsten Haltung zu versichern, indem man die ohnehin nicht sonderlich angesehene Kaste der Berufspolitiker der Feigheit bezichtigt. Wie aber können wir unseren Repräsentanten ein von Kühnheit und Weitsicht geprägtes Austeritätsprogramm abverlangen, wenn wir uns im gleichen Atemzug in die endlose Schlange der Subventionsempfänger einreihen, die für sich ein Anrecht auf die Ausnahme von der strengen Regel reklamieren und sich greinend an die welken Brüste des Staates flüchten: der Airbus-Techniker und der Zuckerrübenbauer, der Bergmann und der Windkraftbetreiber, der Theaterintendant und der Vorruheständler, der Stahlkocher und der Filmregisseur, der Beamte und der Steuerabschreibungskünstler, der Eigenheimbesitzer und der Vertreter des Sozialhilfeadels.
"Illusionen empfehlen sich uns dadurch", bemerkte Sigmund Freud vor rund hundert Jahren, "dass sie uns Unlusterfahrungen ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klagen hinnehmen, dass sie einmal mit einem Stücke des Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen." Bis der Ernstfall eintritt, machen wir weiter wie bisher und wenn es eng wird, wechseln wir erneut die Regierung oder erweitern den Kreditrahmen. Nach der Wahl ist vor Wahl.
Günter Franzen, Jahrgang 1947, lebt als freier Schriftsteller und Gruppenanalytiker in Frankfurt/Main. Buchveröffentlichungen u. a.: "Der Mann, der auf Frauen flog", Hamburg 1988. "Komm zurück, Schimmi!", Hamburg 1992. "Ein Fenster zur Welt. Über Folter, Trauma und Gewalt", Frankfurt/Main 2000.
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