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01.11.2005
Die Geburtenrate in Deutschland ist im internationalen Vergleich sehr niedrig (Bild: Stock.XCHNG / dodo matush) Die Geburtenrate in Deutschland ist im internationalen Vergleich sehr niedrig (Bild: Stock.XCHNG / dodo matush)

Vom Nutzen der Kinder

Von Günter Franzen

Seit geraumer Zeit geht ein Gespenst um in Deutschland: die Kinderlosigkeit. Weil die öffentliche Auseinandersetzung um Diagnose und Therapie der kollektiven Fortpflanzungsunlust alle Züge einer voll erblühten Hysterie aufweist, ist es im allgemeinen Stimmengewirr kaum noch möglich, in dieser Debatte eine dezidierte Meinung zu vertreten, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, man stelle andersartige Gesellungsformen, Lebensweisen oder sexuellen Präferenzen an den Pranger.

"Zu einem erfüllten Leben gehören normalerweise Kinder." Dass es nicht die Drohung einer radikalen Durchforstung der Steuerdschungels, sondern eben dieser beiläufig geäußerte Satz gewesen sein könnte, der das jähe Verlöschen des politischen Kometen Paul Kirchhof bewirkte, ist nach Lage der Dinge nicht auszuschließen. Der geballte Aufschrei des kinderlosen Teils der Nation war dem Professor, der angeblich aus der Kälte kam, so sicher wie das Amen in der Kirche: Wut, Trauer und Betroffenheit soweit das Auge reicht.

Dass mit Udo di Fabio nun ein zweiter leibhaftiger Verfassungsrichter in den Ring klettert, um sich mit seinem Buch "Die Kultur der Freiheit" und dem Plädoyer für die Wiedergewinnung des Kindes als gesellschaftliches Leitbild den Zorn der Menschen einzuhandeln, die keine Kinder haben oder keine wollen, spricht für die erstaunlichen Nehmerqualitäten eines Berufsstandes, dessen Quartier bislang eher auf dem entrückten Karlsruher Olymp als in den Niederungen des Berliner Marktplatzes vermutet wurde. So wenig ich in Paul Kirchhof einen Propagandisten der sozialen Eiszeit zu erkennen vermag, lässt sich sein Kollege Di Fabio als Frontmann eines restaurativen, an der Adenauer-Ära orientierten Kulturverständnisses vereinnahmen - besteht die Pointe seines Manifestes doch gerade darin, dass es gänzlich auf dem Autonomiebegriff der Moderne ruht, indem es darauf verzichtet, das Kind als ehernen Bestandteil bürgerlicher Konvention zu beschwören und vielmehr damit wirbt, dass der bejahte Nachwuchs den individuellen Freiheitsspielraum erweitert. "Dieses Leitbild", schreibt Di Fabio, "erweist sich als freiheitsgerecht, weil es Abweichungen toleriert, nicht absolut vorgetragen wird oder herrisch gebietet, sondern werbend und verlockend ist." Die postkonventionelle Durchlässigkeit der Argumentation geht allerdings nicht zu Lasten der Prägnanz seiner Positionierung. "Das könnte heißen", so Di Fabios flammendes Resümee, "eine entschiedene Hinwendung zum neuen menschlichen Leben, und zwar als Mittelpunkt des eigenen biografischen Plans, die Suche nach einer Intimität, die mehr ist als zeitlich begrenzte Nähe in einem nur dünn gesponnenen Netzwerk erlebnishungriger Selbstgenießer, die Wiedergewinnung einer geschichtsbewussten Bildungsidee und vor allem der Eros des Selbstentwurfs, des Kampfes um ein selbstbewusstes und nicht verwaltetes Leben, das nicht endet, wenn die Zeit abläuft, sondern in den Augen, im Eigensinn und dem Erinnern der Kinder fortlebt, mit denen man gelebt und erlebt hat."

Das Dilemma dieses Plädoyers besteht leider Gottes darin, dass es sich in seiner existentiellen Tiefe vermutlich nur dem alternden Menschen erschließt, dem die kränkende und demütigende Erfahrung der Begrenztheit des eigenen Lebens eine Beglückung wach zu halten vermag, die dem Anblick des eigenen Kindes vorbehalten bleibt. Solange dieses aus der Hingabe einer Frau und eines Mannes hervorgegangene Wunder denkt, empfindet und atmet, ist auch für uns der Vorhang, der die belebte Welt von der aussichtslosen Leere des anorganischen Zustandes trennt, noch nicht endgültig gefallen.

Die dem gewaltsamen Tod knapp entronnene Philosophin Hannah Arendt notierte nach dem Krieg in ihrem Hauptwerk Vita activa oder vom tätigen Leben: "Das Wunder, das den Lauf der Welt immer wieder unterbricht und vor dem Verderben rettet, ist schließlich die Tatsache der Natalität, des Geborenseins. Das Wunder besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins."

Der arendtsche Jubel über das Ankommen in der Welt hält sich in der gegenwärtigen deutschen Missmutskultur in Grenzen. Kinder sind schön, aber machen viel Arbeit. Gestern war es für ihre Ankunft zu früh und weil es heute zu spät ist, werden die Boten der schlechten Nachricht umgehend abgestraft.


Günter Franzen, Jahrgang 1947, lebt als freier Schriftsteller und Gruppenanalytiker in Frankfurt/Main. Buchveröffentlichungen u.a.: "Der Mann, der auf Frauen flog", Hamburg 1988. "Komm zurück, Schimmi!", Hamburg 1992. "Ein Fenster zur Welt. Über Folter, Trauma und Gewalt", Frankfurt/Main 2000.




 
 

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