Es ist vorhersehbar: In vier, auch in acht Jahren kann die kranke deutsche Gesellschaft nicht genesen. Aber die Ausrede steht schon fest: Angela Merkel war schuld. Man wird einen Sündenbock suchen und zu finden glauben: "die" Politiker und besonders die politische Nummer eins, also die Kanzlerin.
Das, mit Verlaub, ist "typisch deutsch". Fürs Wohl und Wehe der eigenen Welt ist Vater Staat und nun die Landesmutter zuständig. "Schuld" sind immer die Anderen, besonders "der" Staat. Genau dies ist nicht nur hier und heute, sondern historisch das Kernübel deutschen Seins; übrigens auch des französischen, und deshalb sind heute Deutschland und Frankreich die Kranken Europas. Zerfressen werden sie von der selbst geschaffenen und selbstverschuldeten Allzuständigkeit der Staatlichkeit.
Fast überall auf der Welt entsteht seit den 1990er Jahren ein einziger Markt mit riesigen Chancen und vielen Risiken. Doch in Deutschland, Frankreich, Westeuropa sieht man mehr die Risiken als die riesigen Chancen. Gegen diese Neue Welt und ihren Markt stemmen sich viele bei uns. Sie rufen nach dem Staat, nach ihrem Staat, der sie vor der Welt schützen soll.
Bürgerlicher Geist fehlt, ein Geist also, der beim einzelnen Bürger ein- und ansetzt, der über den Einzelbürger hinaus stets das Gemeinwohl aller Staatsbürger fest im Auge hat, aufs Ich ebenso wie aufs Du achtet und dadurch ein Wir schafft, ohne ständig nach "dem" Staat zu rufen.
"Einspruch", ruft der Protest-Chor und weist auf die unzähligen Bürgerinitiativen hin. Ja, Bürgerinitiativen schießen wie Pilze aus dem deutschen Boden. Meistens aber gaukeln sie uns nur den Einsatz fürs Gemeinwohl vor. Tatsächlich zementieren sie oft das Ich gegen das Du und verhindern das Wir.
Wieder kommt Widerspruch: Immer weniger Bürger lassen sich vom Staat alles gefallen. Sie verlangen und fordern vom und protestieren gesamtstaatlich gegen den Staat. Bürgersinn also statt Staatsbesessenheit. Wirklich? Wofür und für wen protestieren sie? Für sich, auf Kosten der Allgemeinheit. Also wieder mehr Ich als Du und Wir. Der Staat, die Verkörperung des Wir bzw. des Allgemeinen, soll die Sonderinteressen der vielen Ich-Ich-Ich sichern. Absurdes Theater.
Wir verlangen Wohltaten und Hilfe vom Staat. Finanzieren wir ihn gleichermaßen? Ja, durch Steuern. Die sind zu hoch, jammern alle. Doch wie können sie niedriger werden, wenn wir weiter oder gar mehr fordern? Renten, Bildung, Gesundheit; der Katalog ist wohlbekannt. Was der Staat zahlt, zahlen alle.
Staatlichkeit ist der Deutschen Droge; einst im Kollektiv, jetzt im Zeitalter der Ichlinge. Unser Deutschland ist ein Land ohne Bürgerlichkeit. Kein Wunder, denn das deutsche Bürgertum war nie in der deutschen Geschichte tonangebend und normsetzend. Gestaltungschancen bekam dieses Bürgertum in der Weimarer Republik, in der es von linksaußen und später nachhaltig von rechtsaußen zertrümmert wurde. Die DDR war kein Staat der "Arbeiter und Bauern", sondern der Spießbürger. Echte Bürgerlichkeit? Verbannt. Anders in der frühen Bundesrepublik, deren Bürgersinn das Wirtschaftswunder schaffte. Dann der Auftritt und Aufstieg der 68er. Bürgerliche Normen wurden weggefegt, in der Kohl-Ära nicht wirklich wiederbelebt, und die rotgrünen Brionis der Schröder-Fischer-Riege waren auch kein Ersatz für Bürgerlichkeit und Bürgersinn.
Der Staat ist pleite, weil wir alle ihn mit unseren Ansprüchen in die Pleite getrieben haben, und die Politiker beschenkten uns noch mehr, damit wir sie nicht abwählten.
Abgedrängt und abgetreten ist nun seit Merkel und Platzeck die alte Garde, auch die meisten 68er, die bald 68 sind. Merkel und Platzeck haben die historische Chance, in der Krise Bürgersinn zu wecken und eine kosmopolitische neudeutsche Bürgerlichkeit zu schaffen. Wir brauchen Bürgerlichkeit als Basis des Bürgerstaates. Dabei kommt es nicht nur auf die Merkel-Riege an, sondern auf uns alle.
Michael Wolffsohn, Historiker, wurde 1947 in Tel Aviv als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten geboren. Er kam als Siebenjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft in Berlin, Tel Aviv und New York arbeitete er bis zu seiner Habilitation an der Universität in Saarbrücken. 1981 wurde er Professor für Neuere Geschichte an der Bundeswehrhochschule in München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen 'Keine Angst vor Deutschland!', 'Die Deutschland-Akte - Tatsachen und Legenden in Ost und West' und 'Meine Juden - Eure Juden'.
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