Hat die deutsche Sprache zwischenzeitlich wirklich den Ruch der Provinzialität verloren? Oder ist sie nicht inzwischen das Medium derjenigen geworden, die nichts zu sagen haben? Nicht nur manchmal scheint es, als würde unser Deutsch ohne viel Aufhebens auf dem nüchternen Altar der Globalisierung geopfert.
Dass der Mann sich so etwas traut! Der Skandal ist da, und zwar kein kleiner! Statt seinen Studenten die geschätzten Früchte seines Geistes in klassischem Latein oder wenigstens in den geläufigen Weltsprachen Französisch oder Englisch zu servieren, wagt es doch der Jurist und Philosoph Christian Thomasius, seine Vorlesungen an der Universität Leipzig auf Deutsch zu halten. Auf Deutsch - man stelle sich das nur einmal vor! -, dieser Bauernsprache, mit der man es im elfenbeinernen Turm der Wissenschaften doch bestenfalls bis zum Pförtner bringen kann. Bestenfalls!
Kleinliche Kritiker mögen an dieser Stelle anmerken, das gesellschaftliche Gezeter über diesen Vorfall sei doch längst abgeebbt, schließlich läge das Ereignis, das ich soeben frech präsentierte, als sei es gestern geschehen, doch bereits mehr als dreihundert Jahre zurück: In der Tat, Professor Thomasius kündigte seine Lehrveranstaltung schon 1687 an.
Trotzdem: Sind wir heute weiter? Hat die deutsche Sprache zwischenzeitlich wirklich den Ruch der Provinzialität verloren? Oder ist sie nicht inzwischen wieder wenn schon nicht ein Idiom der Idioten, so doch zumindest das Medium derjenigen geworden, die nichts zu sagen haben? Nicht nur manchmal scheint es, als würde unser Deutsch, bis zu seiner Usurpation durch die Mörder und Henker immerhin die international weithin anerkannte Sprache der Dichter und Denker, als würde unser Deutsch also nun ohne viel Aufhebens auf dem nüchternen Altar der Globalisierung geopfert.
Es gilt einfach als schick: Wer etwas auf sich hält, würzt seine Sprache mit ein paar englischen Brocken. Die Deutsche Bahn, die vor nicht allzu langer Zeit noch damit warb, anders als alle anderen nicht vom Wetter zu reden, behauptet heute, sie sei nicht einfach ein Unternehmen, das Menschen und Güter möglichst bequem und ohne vereiste Weichen oder zugeschneite Geleise von A nach B, von Aachen nach Berlin, transportiert. Nein, die Deutsche Bahn sagt mittlerweile stolz von sich, ihr Geschäft seien Mobility, Networks und Logistics, - was immer man darunter verstehen mag. Und selbst das örtliche Schreibwarengeschäft, das bisher nie auf globale Märkte zielte, bietet plötzlich 'office solutions' an, als wollten nicht Herr Müller oder Frau Meier nur ein paar Briefumschläge kaufen.
Ein so urschwäbischer Konzern wie der mit dem dreizackigen Stern erhebt Englisch zur Firmensprache und an unseren Hochschulen wird mehr und mehr unterrichtet und debattiert, als gehörten Harvard oder Oxford und nicht Göttingen und Freiburg in den Zuständigkeitsbereich deutscher Kultusminister.
Sicher: Eine in der Propagierung von Englisch als internationaler Geschäftssprache aktive Management-Akademie hat Recht, wenn sie anführt: "Wenn Sie die Sprache Ihrer Geschäftspartner beherrschen, schaffen Sie mehr Vertrauen und erhöhen Ihre Glaubwürdigkeit. Dies kann den entscheidenden Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg bedeuten." Und als weiteres Argument ist ebenfalls nur schwer zu widerlegen, dass eine weltweit verstandene Sprache den schnellen Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse beflügelt.
Andererseits reduziert sich Wissenschaft nicht bloß auf einen möglichst reibungslosen Datentransfer. Man muss nicht soweit gehen wir der britische Biologe und Wissenschaftshistoriker Theodore Savory, der die Wissenschaft kurzerhand zum "natürlichen Feind der Sprache" erklärte, einleuchtend erscheint viel eher der Satz des - deutschen - Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, jedes wissenschaftliche Verständnis müsse auf der gewöhnlichen Sprache beruhen, "denn nur dort können wir sicher sein, die Wirklichkeit zu berühren."
Was also ist zu tun? Müssen wir der Globalisierung in Wirtschaft und Wissenschaft wirklich unsere Sprachkultur opfern, oder biedern wir uns mit unserem dümmlichen Denglisch und unseren wuchernden Anglizismen nicht schlicht an einen Trend an, der uns manchmal nur noch lächerlich wirken lässt?
Es könnte sein, dass es wichtig ist, hier wieder ein richtiges Maß zu finden. Es gilt, einen Kurs des politischen wie kulturellen Selbstbewusstseins zu steuern, der gleichermaßen Abstand hält zur allzu flotten Übernahme sprachlicher Versatzstücke wie zu dem unnachgiebigen Beharren eines nachgerade völkischen Sprachpurismus, der noch aus jedem motherboard eines Computers am liebsten ein Mutterbrett machen würde.
Vielleicht sollten wir uns bei unserer sprachlichen Orientierung einen gewissen Joachim Heinrich Campe zum Vorbild nehmen, der 1746 bei Holzminden geboren wurde. Er suchte und fand für mehr als 10.000 Fremdwörter deutsche Entsprechungen, von denen wir etwa 'Erdgeschoss' für 'Parterre' oder 'fortschrittlich' für 'progressiv' immer noch verwenden. Und dass sein Vorschlag 'Menschenschlachter' für den Begriff 'Soldat' sich nicht durchsetzen konnte, nun, damit war wohl zu rechnen.
Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Sozialwissenschaften. Nach dem Studium arbeitete Bork zunächst als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Fernsehredaktion 'Religion, Kirche und Gesellschaft' des Südwestrundfunks in Stuttgart. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet. Bork ist Autor zahlreicher Glossen und mehrerer Bücher, in denen er sich humorvoll-ironisch mit zwischenmenschlichen Problemen auseinander setzt.
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