Endlich - bald ist es geschafft. Bald geht es den Deutschen so gut wie den Amerikanern, Iren, Spaniern, Italienern, die vor der rauchenden Pest schon lange geschützt sind und deren Raucher da stehen, wo sie hingehören: vor der Tür oder in Plexiglaskäfigen, wo sie in ihrem eigenen Rauch ersticken und dabei sogar beobachtet werden können, wie auf dem Pariser Flughafen.
Dann endlich kann auch die deutsche Regierung beweisen, dass sie handlungsfähig ist und durchgreifen kann, wie die amerikanische oder italienische. Wie soll denn eine Regierung, die nicht einmal das Rauchen verbieten kann, die Mafia besiegen oder den islamistischen Terror oder die Arbeitslosigkeit? Aber wenn die Raucher endlich rausgeschmissen sind aus den Zügen, Restaurants und Bars, wenn sie im Winter, vor Kälte zitternd und die Zigarette zwischen den klammen Fingern, sich vor den Türen zu ihrer Haltlosigkeit bekennen müssen, während sich alle anderen, unbelästigt von dem todbringenden Dunst, vollessen und volltrinken dürfen, dann wird auch in unserem Land die Hoffnung wachsen, dass wir auch den Rest bewältigen können: die Geburtenrate, die Vollbeschäftigung, die Bildungskrise und all diese Dinge, weil wir dann bewiesen haben, dass wir nicht gewillt sind, tatenlos zuzusehen, wie Menschen sich und uns zugrunde richten. Dann wird man sich eines Tages vielleicht auch fragen, ob wir denn zulassen wollen, dass Frauen zu unser aller Schaden nicht mal ein einziges Kind gebären wollen; oder ob es nicht berechtigt wäre, Übergewichtigen eine Zwangsdiät zu verordnen.
Man wird vielleicht auch überlegen, ob Menschen mit einem den Ansprüchen unserer Arbeitswelt nicht genügenden Intelligenzquotienten die Fortpflanzung erlaubt werden sollte. Schließlich muss man bedenken, welche Kosten dem Gemeinwesen aus solcher Nachkommenschaft entstehen können. Und gerechterweise müsste man natürlich auch die Rationierung von Benzin und Flugreisen in Erwägung ziehen, denn die Auspuffgase in Nasenhöhe von Kleinkindern sind ja vermutlich nicht weniger gefährlich als Zigarettenqualm.
Manche Menschen behaupten, es sei wichtiger, den massenhaften Kokaingebrauch zu bekämpfen, aber das ist nicht richtig. Denn erstens ist Kokain schon verboten, wenn auch ohne Erfolg. Und zweitens ziehen die Kokser sich das Zeug ja nicht öffentlich rein, so dass sie sich als Fanal für den Aufbruch nicht eignen. Denn es geht doch vor allem darum, öffentlich zu demonstrieren, wer auf der richtigen Seite steht und wer auf der falschen und mit welcher Verachtung gestraft wird, wer sich mutwillig und entgegen aller Vernunft uneinsichtig zeigt.
Keine Gruppe ist für dieses Exempel geeigneter als die Raucher. Sie sind an sich friedlich und wenn sie nicht durch andere Drogen, zum Beispiel Alkohol oder Kokain, gerade ihres Verstandes beraubt sind, ist von ihnen kein Widerstand zu erwarten, zumal gerade die Raucher ein überdurchschnittliches Bedürfnis nach Geselligkeit und sozialem Umgang haben und eher auf die Zigarette verzichten werden, als einen öffentlichen Streit zu riskieren. Sollten Sie noch Raucher in ihrem Freundeskreis haben, fordern Sie diese unumwunden auf, in Ihrer Gegenwart nicht zu rauchen, egal wo, in Ihrer oder deren Wohnung, im Café oder auf der Straße. Sie werden sehen, der Erfolg ist Ihnen gewiss.
Denn der Raucher an sich ist charakterschwach, sonst würde er ja nicht rauchen. Sollte ein Raucher Ihnen dennoch die Freundschaft aufkündigen, seien Sie froh darum. Was sind Freunde gegen ein rauchfreies Wohnzimmer, saubere Gardinen und das reine Flimmerepitel Ihrer Schleimhäute?
Danach, wenn Sie die Raucher erledigt haben, machen Sie es genauso mit den Kinderlosen, Dicken, den Besitzern von diesen benzinfressenden Luxusautos und allen anderen mit abartigen Lebensgewohnheiten und Sie werden sehen, wie unbehelligt von allem und jedem Sie Ihr Leben genießen können.
Wir Raucher ziehen uns derweil mit anderen Rauchern und natürlich allen sympathisierenden Nichtrauchern in unsere Wohnungen zurück und lassen es uns da gut gehen.
Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, studierte Theaterwissenschaften. Ab 1976 arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Ost-Berlin. 1988 verließ sie die DDR und lebte bis 1992 in Hamburg, später wieder in Berlin. Maron ist erfolgreiche Autorin einer Reihe von Romanen. Ihr erster Roman "Flugasche" thematisiert die Umweltverschmutzung in der DDR. Ihre Essays und Artikel über ihre Heimatstadt erschienen 2005 unter dem Titel "Geburtsort Berlin". Monika Maron wurde mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt.
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