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14.12.2006
Zigaretten (Bild: Stock.XCHNG / Martin Luckner) Zigaretten (Bild: Stock.XCHNG / Martin Luckner)

Die Bevormundungsgesellschaft

Über die Faszination der Verbote

Von Thomas Löffelholz

"Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen!" rief Angela Merkel in ihrer ersten Regierungserklärung. Ein schöner Satz. Kaum war er gesprochen, da erließ die Koalition das Gleichstellungsgesetz und beschnitt die Vertragsfreiheit der Bundesbürger - weit über alle EU-Regeln hinaus. Mehr Freiheit wagen? Politiker spüren ihre Macht erst, wenn sie etwas verbieten können.

Nehmen wir die Killerspiele oder das Rauchen in Restaurants. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, außer: beides muss verboten werden. Nun wird kein denkender Mensch Killerspiele oder Zigaretten verteidigen wollen. Der Verfasser hat nie auf virtuelle Terroristen geschossen oder gar geraucht. Ihn stört nur die Leichtigkeit, mit der - kaum ist da ein Problem - ein Verbot auf den Tisch gelegt wird.

Natürlich schaudert uns, wenn wir an Erfurt oder Emsdetten denken, oder irgendjemand anonym mit einem Amoklauf droht. "Da muss doch etwas verboten werden!" sagt Bayerns Innenminister. Nur was? Killerspiele stehen weltweit im Internet. Und so lang der Arm der deutschen Obrigkeit auch ist: Er ist zu kurz, um die Anbieter in der Unendlichkeit dieses Netzes zu fassen. Ist es aber sinnvoll, sinnlose Verbote zu erlassen? Amokläufe gab es, bevor irgendjemand an Computer dachte. Zudem ist zweifelhaft, ob Killerspiele Aggressionen auslösen. Manche Experten meinen sogar, sie bauten sie ab. Und wenn doch: warum dürfen James Bond, Rambo & Co in unseren Wohnzimmern weiterballern. Hier sollen Dramen nicht bagatellisiert werden. Nur: helfen hilflose Verbote? Und vor allem: durch Unfälle kommen ein paar hundert Mal mehr Kinder zu Tode, als durch alle Amokläufe zusammen.

Und das Rauchen? Die Bundesregierung war voll Tatendrang - bis klar wurde: Die Frage geht sie nichts an. Die Länder sind zuständig. Die stehen nun bereit. Wir wollen uns darüber nicht lustig machen. Tabak ist lebensgefährlich. Jahr für Jahr sterben Zigtausende daran. Sogar 3000 Nichtraucher kostet der blaue Dunst das Leben. Sie können fordern, dass jeder Raucher Rücksicht nimmt.

Nur - die Wahrheit ist kompliziert. Am Passivrauchen stirbt man nicht wie bei einem Verkehrsunfall. Gefahr droht vor allem dem, der über lange Zeit dem Rauch ausgesetzt ist, Kinder zum Beispiel, wenn Eltern qualmen. Sie rettet das Rauchverbot an öffentlichen Orten nicht. Für sie müsste Rauchen rundum verboten werden. Aber da zuckt die Politik zurück. Die Bundesländer, die zuständig sind, haben jüngst von Brüssel gefordert, den Tabakanbau doch - bitte - weiter zu fördern. Und der Finanzminister rechnet fest mit den 14 Milliarden, die die Tabaksteuer ihm jährlich bringt, viermal so viel wie alle Steuern auf Bier, Schnaps und Sekt zusammen.

Er kann sogar sagen: die Gefahren für Passivraucher haben sich allein kraft der Argumente - und der Tabaksteuererhöhungen - dramatisch verringert. In den letzten fünf Jahren ist der Zigarettenkonsum des Bundesbürgers um über ein Drittel gesunken. 1980 wurde gar doppelt so viel geraucht. Obendrein ist uns Nichtraucherschutz selbstverständlich geworden. Flugzeuge, Autobusse, die meisten Bahnhöfe, ungezählte Firmen und Behörden sind rauchfreie Zonen. Raucherabteile im Nahverkehr gibt es fast nirgends mehr und im Fernverkehr nur für jeden fünften Passagier. Nicht weil die Politik es dekretiert, sondern weil der Kunde es will. Hotels fragen heute aus eigenem Interesse, ob der Gast ein Nichtraucherzimmer wünscht.

An den Folgen des Rauchens stirbt man - so sagt die Wissenschaft - im Durchschnitt mit 69 Jahren. Die Opfer von heute sind meist Opfer jener Jahre, als bedenkenlos gequalmt wurde. Damals waren die Raucher stark und die Politik ahnungslos oder feige. Jetzt aber, da die Nichtraucher gesiegt haben, fassen die Politiker Mut. Die letzte Ecke wird nach dem letzten blauem Qualm durchsucht. Statt anzuerkennen, dass es den mündigen Bürger nicht zwangsläufig umbringt, wenn er in eine rauchgeschwängerte Kneipe gerät; statt zu sagen: er muss ja nicht dorthin gehen; er kann, durch sein Verhalten Wirte sogar zwingen, rauchfreie Kneipen zu eröffnen; statt zu sagen: Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen, rückt die Staatsmacht aus.

Freiheit heißt, dem Bürger zu trauen. In diesen Verdacht will die Politik auch unter Angela Merkel nicht geraten. Sie will zeigen, dass etwas geschieht. Und das geht am besten, indem man etwas verbietet. Wobei es sich gut trifft, wenn Verbote - wie bei Killerspielen und in gewisser Weise sogar beim Rauchen - überflüssig sind. Dann kann man auf Steuern hoffen und zugleich reinen Gewissens sein.


Thomas Löffelholz, Journalist, 1932 in Wiesbaden geboren, arbeitet als Publizist. Er ist Diplom-Volkswirt und promovierte in Marburg zum Dr. jur. Bis 1963 war er Wirtschaftsredakteur der "Stuttgarter Zeitung", dann berichtete er 19 Jahre lang als Korrespondent aus Brüssel und Bonn. Von 1983 bis 1995 war er Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Von 1995 bis 1998 war er Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt". Er ist Mitglied des Kuratoriums des renommierten "Theodor-Wolff-Preises" und der Jury des "Ludwig-Erhard-Preises".


 
 

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