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15.10.2007
Kindergarten Wunderwelt  Wermelskirchen (Bild: dradio.de) Kindergarten Wunderwelt Wermelskirchen (Bild: dradio.de)

Wo bleibt das Kindeswohl?

Fakten zur Krippen-Debatte

Von Christine Brinck

Die Logik der Familienpolitikerinnen (auch Frau Merkel war mal Familienministerin im dritten Kabinett Kohl) zum Ausbau des Krippenangebots ist, dass Frauen arbeiten wollen oder müssen und nur die Fremdbetreuung ihnen das ermöglicht. Da es zu wenig Betreuungsmöglichkeiten gibt, muss der Staat sie schaffen und bezahlen. So weit so schlicht.

Umfragen jeder Art lassen den Wunsch der Frauen nach Anerkennung ihrer mütterlichen Arbeit erkennen, ideell wie materiell, nicht ihren Ruf nach voller Berufstätigkeit bei gleichzeitiger Mutterschaft von Babys und sehr kleinen Kindern.

Folgt daraus nicht, dass Mütter weit interessierter an Erziehungshilfen als an Krippenplätzen sind? Doch die Welle der zusätzlichen halben Million Krippenplätze rollt unaufhörlich weiter, egal, ob die Vermehrung Sinn macht, ob man mit dem vielen Geld etwas qualitativ Vertretbares herstellen kann. Auf die halbe Million hat man sich beim sogenannten Krippengipfel geeinigt, komme was wolle.

In vielfacher Hinsicht ist das erstaunlich, denn bis heute ist nicht verbindlich festgelegt, wie die natürlich stets geforderte qualitativ hochstehende Krippe aussehen soll. Schon jetzt, lange vor dem Ausbau, haben wir, so die Frühpädagogin Fabienne Becker-Stoll "nur eine geringe Anzahl von Krippen in einer guten bis sehr guten Qualität".

Schuld daran ist "schlecht ausgebildetes und mangelhaft motiviertes" Personal, ein fehlendes Qualitätsmonitoring und ein unverbindlicher Betreuungsschlüssel, der zwischen 1 zu 4,5 in Rheinland-Pfalz und 1 zu 8 in Berlin schwankt. International gilt ein Betreuungsschlüssel für Krippenkinder von 1 zu 3 als ideal, in Schweden ist ein Schlüssel von 1 zu 2,5 verbindlicher Standard.

Die Familienministerin und andere Politiker haben gern betont, dass Deutschland mit den Krippenbeschlüssen "den Anschluss an die familienpolitisch erfolgreichen Länder in Nord - und Westeuropa." schafft. Doch wie das Weltniveau, das die DDR in der Industrie stets anpeilte und verfehlte, so sind wir krippenpolitisch schlecht für den Anschluss ans Europa-Niveau gerüstet.

Nicht einmal das gegenwärtige Erziehungspersonal widerspricht da. In einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung gaben 61 Prozent der Befragten an, dass sie die Träger von Betreuungseinrichtungen als "nicht so gut, schlecht bzw. sehr schlecht" einschätzten. Über 45 Prozent bewerteten die Qualifizierung der Erzieher als "nicht so gut bis schlecht".

Die geplante halbe Million neuer Plätze bedarf allein bei einem mangelhaften Schlüssel von 1 zu 5 100.000 neuer Erzieher. Wo sollen die in sechs Jahren herkommen und wer veranlasst die Verbesserung ihrer Ausbildung?

Unverständlich ist, dass eine Ministerin, die als Medizinerin auch ein wenig Entwicklungspsychologie gelernt haben sollte und einer Partei angehört, die den Schutz der Familie auf ihre Fahnen geschrieben hat, den kleinsten Kindern nicht den dauernden Schutz durch ihre Eltern garantieren will, sondern eher auf Fremdbetreuung setzt.

Studie um Studie indes zeigt immer wieder, dass in den ersten 18 bis 24 Monaten die Eltern die wichtigsten Bindungspersonen sind. Warum nicht das viele gute Geld in die Schaffung sicher gebundener Kinder stecken, als sie in übervölkerten und personell unterversorgten Krippen zu verwahren.

Der Frühkindspezialist Professor Wassilios Fthenaktis, ein grundsätzlicher Krippenbefürworter, plädiert dafür, kein Kind unter 18 Monaten in die Krippe zu geben und allen Eltern in diesen 18 Monaten ein einheitliches Elterngeld zu zahlen.

Freilich löst auch dieser Vorschlag nicht das grundsätzliche Dilemma, dass wir in die Krippendebatte nicht geraten sind, weil uns das Kindeswohl so am Herzen liegt, sondern weil wir möglichst viele Frauen mit Kindern schnell wieder in den Arbeitsmarkt integrieren wollen und zwar so, dass sie vollwertig wie die Männer einsetzbar sind.

So bemerkte Professor Neil Gilbert von der Berkeley Universität feinsinnig, dass Maßnahmen wie freie Tage für kranke Kinder, Ganztagskrippen, -kindergärten und -schulen, immer als "familienfreundlich" verkauft werden, ehrlicherweise aber "marktfreundlich" genannt werden sollten, denn ihr einziger Zweck ist, die verstärkte Partizipation der Frauen am Arbeitsmarkt und nicht das Wohlbefinden der Kinder.

Alles, was wir im Zusammenhang mit Kleinstkindern anbieten und tun, ist nicht kinderfreundlich, sondern wirtschaftsfreundlich. Wenn wir die Bedingungen jetzt nicht ändern, wird auch die nächste Generation wieder ihre Mütterkriege ausfechten, bis wir das System so umgebaut haben, dass Mütter und Väter nicht wählen müssen zwischen zuhause bleiben und berufstätig sein, sondern mit gutem Gewissen und zum Nutzen der kleinen Kinder ganz entspannt beides flexibel haben können.

Das wäre eine echte Wahl. Noch aber leben wir im Entweder-Oder, wo Berufstätigkeit beziehungsweise Berufsverzicht entweder auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird oder zu Lasten der Mütter geht.


Christine Brinck, Erziehungswissenschaftlerin und Publizistin, schreibt für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und Focus, überwiegend zu Bildungs- und Erziehungsthemen. Nach ihrer Promotion in Hamburg forschte sie an der Harvard University. Der transatlantische Vergleich ist zentrales Thema ihrer publizistischen Arbeit, sie ist Jurorin im Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. In der Bildungsdebatte ist ihr vor allem die frühkindliche Entwicklung ein wichtiges Anliegen.


 
 

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