Mit der Musik im Dritten Reich und ihren Protagonisten haben sich in den letzten Jahren gerade angelsächsische Historiker beschäftigt. Sam Shirakawa stellte Wilhelm Furtwängler als "The Devil's Music Master" dar.
Michael Kater beschrieb in "The Twisted Muse" zum einen den ideologischen Gebrauch und Missbrauch der Musik im Tausendjährigen Reich, zum anderen die Proselyten der Partei und ihre Opfer. Frederic Spotts widmete sich der Geschichte der Bayreuther Festspiele und besonders jenen Jahren, da das Festspielhaus, mit einem Wort von Thomas Mann, zu "Hitlers Hoftheater" wurde.
Zu diesen Abrechnungen ist es womöglich auch deshalb gekommen, weil das heikle Thema in Deutschland von der musikwissenschaftlichen Forschung am liebsten umgangen oder gar ad acta gelegt wird. Mehr noch, einige Forscher sind sogar um den Nachweis bemüht, dass in Wagners musikalischem Werk keinerlei Spuren des in seinen Schriften oft militanten Antisemitismus nachweisbar seien.
Bei der Diskussion über das entscheidende Thema gibt es offenbar immer noch - oder wieder - Berührungsängste: Bei der Frage nämlich, welche Rolle die Musik für den deutschen Seelenhaushalt gespielt hat. "Von deutscher Seele" - das ist ein Stichwort. Als der Dirigent Ingo Metzmacher auf die Idee verfiel, am Tag der Deutschen Einheit bei einem Konzert des Berliner Symphonieorchester Hans Pfitzners 1921 geschriebene Kantate "Von deutscher Seele" aufzuführen, schlug ihm vom Zentralrat der Juden der gleiche heftige Protest entgegen wie Daniel Barenboim, als er in Israel vor einiger Zeit Musik von Richard Wagner aufführte. Die Aufführung wurde als Provokation gewertet. Und Metzmacher sah sich der dümmlichen Frage ausgesetzt, warum er die Musik eines Antisemiten dirigierte, keineswegs aber der Frage nach dem inneren Zusammenhang zwischen Musik und der deutschen Mentalitätsgeschichte.
Dieser innere Zusammenhang ist das eigentliche Leitmotiv - mit D wie mit T geschrieben - von Thomas Manns Künstler-Roman "Doktor Faustus": Dass nämlich, zugespitzt formuliert, das wahnhafte deutsche Überlegenheitsgefühl, vom Schriftsteller Emmanuel Geibel auf die Formel gebracht: "Und es mag am deutschen Wesen, einmal noch die Welt genesen" - seinen Nährboden im Irrglauben von der kulturellen Sonderstellung Deutschlands und der Überlegenheit fand. Der deutsche Geniekult war, wie Jochen Schmidt in seiner "Geschichte des Genie-Gedankens" ausgeführt hat, die "legitimierende Grundlage des Führergedankens" und das Mittel, die Politik zu ästhetisieren.
Dieser Wahn spricht, eine groteske geschichtliche Paradoxie, selbst aus den Worten von Arnold Schönberg, seine Entdeckung der Zwölfton-Musik werden den Primat der deutschen Musik für die nächsten hundert Jahre sichern - das quasi imperialistische Wort eines jüdischen Komponisten, der von den Nazis als Vertreter entarteter Kunst bezeichnet wurde. Um ein Wort des Hans Sachs aus Wagners "Meistersingern" aufzunehmen: "Wahn, Wahn, überall Wahn" - es war ein wahnwitziger Dünkel des nach 1945 rasch salvierten Dirigenten Hans Knappertsbusch, jenen Aufruf zu initiieren, der Thomas Mann in die Emigration trieb. Es war Hans Pitzner, der diesen Brief redigierte, obwohl keiner ein größeres Loblied auf seine Oper "Palestrina" gesungen hatte als der Schriftsteller. Er, Pfitzner, war verbohrt - und er blieb es in Äußerungen, in denen er Massenmorde als Notwendigkeit rechtfertigte, bis zur Unzurechnungsfähigkeit.
Haben diese Äußerungen seine Musik tabuisiert? Es ist ein Problem oder eine Frage, die bei Richard Strauss, dem geschickten Opportunisten, nie gestellt wurde. Würde jeder Schriftsteller, der ein Schuft war oder ein Krimineller, geächtet, müssten viele Bücher verboten werden. Verboten werden müsste dann die Musik von Gesualdo, der seine Frau aus Eifersucht ermordete. Verboten werden müssten dann alle Werke von Schriftstellern, Komponisten und Malern, denen mit den Mitteln der biographischen Bescheidwisserei am Zeuge geflickt werden kann. Verboten werden müssten dann die Botschaften von Popstars, die Ecstasy in allen Varianten anpreisen.
"Die höchste Passion", so schrieb Thomas Mann, der die Ambivalenz der Musik voller Entzücken und Qualen begriff, "die höchste Passion gilt dem absolut Verdächtigen." Wem die Musik von Wagner, Strauss oder Pfitzner deshalb verdächtig oder unerträglich ist, weil ihm die Komponisten widerwärtig sind, braucht sie nicht zu hören. Mit der Tabuisierung eines Komponisten aber ist das Problem, auch das politische, nicht zu lösen. "Es ist wohl möglich", so schrieb Goethe, "daß ein Kunstwerk moralische Folgen habe, aber vom Künstler moralische Absichten und Zwecke zu verlangen, heißt, ihm sein Handwerk zu verderben."
Jürgen Kesting, Autor, Musikkritiker und Journalist, einer der renommiertesten deutschen Musikkenner und -Autoren, wurde 1940 in Duisburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie arbeitete er zunächst für Schallplattenfirmen, wechselte dann aber in den Journalismus. Er schreibt unter anderem für den "Stern" und die "FAZ". Außerdem publiziert er regelmäßig in Fachblättern wie "Opernwelt" und "Musik und Theater". Zu seinen wichtigsten Büchern zählt das dreibändige Standard-Werk "Die großen Sänger". Viel Beachtung fanden auch seine Biographie/Monographie über Maria Callas und sein Essay über Luciano Pavarotti.
Beiträge zum Nachhören
Politisches Feuilleton
Was ist Europa? Eine Identitätssuche
Sendezeit: 10.02.2012, 07:20
OZ - Kulturtipp Freitag, 10.02.2012 - 07.20 Celine Rudolph
Sendezeit: 10.02.2012, 07:18
Erdogan: Wasser oder Eis ?
Sendezeit: 09.02.2012, 07:20
dradio-Recorder
im Beta-Test: