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10.03.2008
Das Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin (Bild: AP) Das Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin (Bild: AP)

Wie sag ich es meinem Kinde?

Der Holocaust

Von Peter Frei

Meine sieben Enkelkinder leben mit ihren Eltern in den USA. Ihre Mütter sind Engländerinnen. Die Enkel lernen, spielen und wachsen in ihrem angloamerikanischen Freundeskreis auf, in ihren Schulen zusammen mit Kindern unterschiedlicher religiöser Prägungen, Hautfarben und Nationalitäten. Keine Probleme! Oder doch?

Beim letzten Besuch fragte mich der älteste Enkel, gerade zehn Jahre, ob ich wüsste, dass in Deutschland Leute in Öfen verbrannt wurden. Einer seiner Freunde vom Fußballplatz habe ihn gefragt, ob ich, der Opa, eine Nazi sei, denn ich käme ja aus Germany.

Solchen Fragen meiner eher englischen als deutschen Enkelkinder hatte ich mich bereits gestellt - sagen wir präventiv, in Gedanken. Als ich die Fragen aber jetzt wirklich hörte, war ich perplex. Ich versuchte zu erklären, nämlich, dass ich etwa so alt wie er, mein Enkel, gewesen sei, als es aus war mit Krieg und Nazis. Ich sei kein Nazi. Frage von mir, ob er wisse, was der Holocaust sei? Nein, wusste er nicht, jedenfalls nicht so richtig. Viele, sehr viele Erklärungen mussten folgen auf viele, sehr viele Warum-Fragen. Dabei hielt ich mich an meinen Grundsatz, Kindern ehrlich und so akkurat wie möglich zu antworten.

An dieses Gespräch erinnerte ich mich jetzt, als der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy vor einem Jüdischen Kongress in Frankreich vorschlug, ab dem nächsten Schuljahr solle jeder Schüler und jede Schülerin der vierten Grundschulklasse, also 10 bis 11Jährige, eine Art Patenschaft des Gedenkens übernehmen für eines der aus Frankreich von den Nazis und französischen Kollaborateuren deportierten 11000 meist jüdischen Kinder.

Sarkozy musste sich viel Kritik anhören: Missbrauch eines höchst- sensiblen Themas zur eigenen politischen Profilierung; Kinder könnten die emotionale Last des Holocaust noch nicht tragen. Sarkozy solle sich gefälligst aus der Bildungspolitik heraushalten. Unterstützt wurde er von Serge Klarsfeld, dem Mann von Beate Klarsfeld, der Kinder gegen Extremismus moralisch stärken möchte.

Sarkozy, auf dessen politische Kapriolen oft nur mit Kopfschütteln reagiert wird, schlägt in diesem Falle etwas Gutes vor. Man kann nicht früh genug die Sinne gegen das Unmenschliche schärfen. Opas müssen mit Enkeln auch über den Holocaust sprechen, Lehrer in der Schule und Eltern daheim sowieso, alle behutsam. Die Seelchen sollten keinen Schaden nehmen, auch wenn wir wissen, dass sich Zehnjährige gerne und am liebsten als kollektives Gruselerlebnis, den Zugang zu Gewaltszenen auf dem Bildschirm ertricksen, vorbei an den sogenannten Erziehungsberechtigten.

Zu überlegen sind auch kooperative Patenschaften des Gedenkens von französischen und deutschen Kindern etwa dort wo Frankreich und Deutschland aneinander grenzen oder in deutsch-französischen Schulen in beiden Ländern. Und, um beim französischen Beispiel zu bleiben, es sollte auch das Bewusstsein geschärft werden für jene ausgegrenzten Randgruppen in den Vororten von Paris oder in Straßburg, wo regelmäßig Autos abgefackelt werden aus sozialem Protest. Das sind Gelegenheiten, bei denen Nicolas Sarkozy die Maske des Menschenfreundes schon mal im Elysée-Palast ablegt und den Polizeiknüppel gegen die Entrüstung von Minderheiten schwingen lässt.

Vielversprechend scheint mir auch der jetzt anlaufende Versuch an 15 Deutschen Schulen zu sein, den Judenmord während der Nazizeit nicht allzu lesebegeisterten Jugendlichen über das Medium Comics ins Bewusstsein zu rufen, mit Zeichenstift und Sprechblase.

Solche Formen der frühen Vergangenheitsbewältigung können auch einer Gleichgültigkeit entgegenwirken, die sonst Stammtischklopfern und Ewiggestrigen das Feld überlässt. Einen Schlussstrich unter diese, der schlimmsten aller deutschen Vergangenheiten, werden auch nachfolgende Generationen nicht ziehen können. Übungen in Nachdenklichkeit sind deshalb gewünscht, möglichst schon in jungen Jahren, Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung zugleich.


Peter Frei, Jahrgang 1934, war zunächst Redakteur bei der NRZ. 1962 ging er zum Deutschlandfunk und 1967 nach Baden-Baden zum SWF. Er war zehn Jahre lang Korrespondent in London, danach in Bonn, von 1991 an Chefredakteur des SWF und von 1993 bis 1998 sein Hörfunkdirektor.


 
 

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