Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn man verwendet denselben Wachs zweimal, um Personen nachzubilden, die dann in identischer Leb- und Reglosigkeit nebeneinander stehen oder miteinander zu einer Szene zusammengestellt werden.
So oder so verkörpern sie Geschichte auf die denkbar harmloseste, geist- und konfliktfreieste Art: als Nachbildung von Personen, die vermeintlich gesellschaftliche Ereignisse herbeigeführt haben oder immer noch verursachen. Sie werden präsentiert, so lange man sie kennt oder kennen will - in einer temporären Inszenierung, die zeitlos wirken möchte, aber alle paar Jahre so unauffällig wie nur möglich Personal austauscht, erneuert oder wenigstens nachbessert.
Wir reden von Madame Tussauds, dem neuen Wachsfigurenkabinett in Berlin, das in dieser Woche "Unter den Linden" seine rot drapierten Glastüren medienwirksam öffnet - mit dem Spruch: "Das prominenteste Erlebnis Berlins" Entstanden ist ein kompakter, garantiert jugendfreier Mini-Rotlichtbezirk der Berühmtheit, der im Internet seine Verheißungen längst schon anpreist: "Tauchen sie auf unserer interaktiven Promi-Party in die glitzernde Welt der Stars ein.... Lassen Sie sich gemeinsam mit Berühmtheiten von Papparazzi ablichten."
Interessanterweise findet sich dort gleich der warnende Nachsatz: "Änderungen der Figuren und interaktiven Erlebnisthemen vorbehalten." Wer mit dem Zeitgeist nicht mithält, könnte auf der Suche nach erkalteter und damit erloschener Prominenz enttäuscht werden.
"Ich habe Angela Merkel schon sehen dürfen", verrät mir ein Verkäufer in dem Berlin-Shop, durch den künftig ein Gang des Kabinetts führt, voller Vorfreude auf die künftige verkaufsfördernde Symbiose:
"Sie sieht toll aus, ganz wie in der Wirklichkeit."
Welche Wirklichkeit er damit meine? Sie sei schon zweimal am Fenster vorbeigelaufen, ein großer Fernsehsender befindet sich ja in unmittelbarer Nähe. Und nebenan im Café, einem beliebten Promitreff, könne man irgendwann einmal jeden Politiker live sehen - falls man ihn dann erkenne. Das weitere Gespräch mit dem Verkäufer klärte mich auf: Er meinte natürlich die Fernsehwirklichkeit.
Wirklich wirklich scheinen nur noch unsere Inszenierungen von der Realität zu sein. Und seitdem Frau Merkel jedes Spiel der eigenen Fußballelf bei der EM mit passenden Banalitäten kommentierte, glauben nun auch die sie zu kennen, denen es am Konzentrationsvermögen oder -willen beim Erfassen rein politischer Aussagen mangelt.
Macht besaß immer ihre Materialien, in denen und mit denen sie sich verkörpert sehen will: Marmor, Granit, dauerhafter wirkender Stein. Später sah man sich gern hoch zu Ross in Metall gegossen. Eiserne Zeiten begannen, mit Kochtöpfen, Feuerwaffen und möglichst rostfreien Denkmalen.
Doch die Zeiten der direkten Abbildung bedeutender Menschen sind vorbei. Wir grübeln über die Symbolik nach - kaum noch ein Mahnmal, das ohne Erläuterungen aus sich heraus wirken würde. Da vergessen wir leicht den realen Menschen hinter den politischen Absichten.
Seine Konflikte, Absichten, Aktionen werden allmählich vergessen. Events, ein neuer Museumstypus müssen her. Und der Erfolg ist vorprogrammiert - mit der Banalisierung von Geschichte durch Reduktion auf einige Akteure. Das simple Prinzip funktioniert weltweit. Wachs als globales Medium, knetbar, flexibel.
Madame Tussauds eröffnete zuletzt Filialen in Washinton DC, in Shanghai sowie in New York und in Hongkong. Das Darstellungs- und Präsentationsprinzip ist weltweit identisch - nur die aufgewachsten Akteure unterscheiden sich regional stark.
Den Mächtigen, Bedeutenden und Berühmten auf Augenhöhe begegnen zu können, scheint dem medienorientierten Bürger als Reiz zu genügen. Er will ihnen nahe sein und für einen Augenblick im Bewusstsein eingebildeter Gleichheit zu leben und das auch noch im Foto festgehalten sehen. Es gab vor der Eröffnung eine kurze Debatte über Hitler, der nun mit Infotafel und einem Fotografierverbot versehen auf den Besucher wartet. London und Hamburg sahen das entspannter.
Die Botschaft der Wachsfiguren-Kabinette lautet im Grunde genommen: Jeder ist ersetzbar in der permanenten Event-Evolution. Man könnte einen Schritt weitergehen und Berühmtheiten zum Do-it-yourself-Kneten anbieten. Der Mitmachfaktor wäre noch ausbaufähig, man könnte aus dem Formen ein demokratisches Prinzip machen, nämlich dass man sich für Geld nicht alles kaufen kann - eine zuverlässige Konjunktur oder zufriedene Menschen zum Beispiel, aber dass man für Geld alles herstellen kann.
Und Wachs ist preisgünstig. Warum nicht eine Versteigerung abhalten, bei der am Ende jemand den Zuschlag erhält, um selbst in Wachs für ein Jahr im Kabinett präsentiert zu werden. Falls sich nicht ein russischer Neu-Milliardär gleich das gesamte Museum kauft und es in St. Petersburg dreimal so groß neu errichten lässt. Oll you need is love - and Wachs.
Lutz Rathenow, Schriftsteller, wurde 1952 in Jena geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte, gründete erst die Black-Panther-Party dann den AK Literatur in Jena, 1975 aufgelöst. Kurz vor dem Examen wurde er '77 aus politischen Gründen von der Universität ausgeschlossen, Transportarbeiter, 77 Übersiedlung nach Ostberlin. Wegen des ersten nur im Westen verlegten Buches 1980 kurz inhaftiert, Lyriker, Essayist, Kinderbuchautor, Satiriker, Kolumnist, Gelegenheitsdramatiker. Zusammen mit Harald Hauswald (Fotografie) schrieb er den erfolgreichen Foto-Text-Band "Ost-Berlin - Leben vor dem Mauerfall" (Jaron Verlag, 2005, englisch/deutsch, 4. erweiterte Auflage 2008. Neue Bücher: "Ein Eisbär aus Apolda" (Kindergeschichten, 2006), "Im Lande des Kohls. Eine Groteske" Edition Buntehunde, Regensburg (2008), "Gelächter, sortiert. Neue Gedichte" Verlag Ralf Liebe, Herbst 2008.
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